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Erkenntnisse der Zoologie

Eine Biologin blickt zurück auf die Geschichte der Tierforschung.

Von Sexpraktiken der Fledermäuse über Biber, die sich angeblich selbst kastrieren: In lockerem Umgangston, in 13 Kapiteln und anhand verschiedener Tierarten befasst sich die Autorin mit der Erkenntnisgeschichte der Zoologie. Dabei greift sie bestehende Tiermythen auf und stellt sie aktuellen Erkenntnissen gegenüber.

Lucy Cooke hat Zoologie in Oxford studiert und ist mehrfach für ihre Dokumentarfilme (unter anderem für BBC und National Geographic) ausgezeichnet worden. 2010 gründete sie eine Organisation für die Wertschätzung von Faultieren und ist häufig als Moderatorin auf ihrem Gebiet aktiv. Ihr ausgeprägtes Engagement für unpopuläre Tierarten spiegelt sich in diesem Buch lebhaft wieder, denn es behandelt vorwiegend eher wenig geliebte Zeitgenossen wie Geier und Hyänen, allerdings auch heimische Sympathieträger wie Frösche und Störche. Meist nimmt die Autorin einen Irrglauben zum Anlass, ins Thema einzusteigen. Dieser bezieht sich häufig auf verborgene Eigenschaften der Tiere, die für Missverständnisse und Spekulationen sorgten. Anschließend schildert Cooke Hypothesen und Experimente früherer Zoologen, die dabei halfen, diese Irrtümer aufzuklären. Schließlich geht sie auf den aktuellen Kenntnisstand ein.

Drei Zoll in neun Minuten

Die Autorin bemüht sich sehr darum, das Ansehen der behandelten Tierarten, zum Beispiel der unbeliebten Aasfresser, aufzubessern. Auch erzählt sie, wie der spanische Historiker Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdés im 16. Jahrhundert die Faultiere als »unbeholfen und langsam« beschrieb, gefolgt von dem Entdecker William Dampier (1651-1715), der ihnen sogar unterstellte, sie kämen in neun Minuten nur drei Zoll voran. Cooke betont, dass Faultiere sich zwar nur mit maximal 1,5 Kilometer pro Stunde durch die Bäume bewegen, der Grund dafür aber ihr unglaublich langsamer Stoffwechsel sei. Anschließend geht sie auf Physiologie, Tarnung, Fortpflanzungsrituale und Fortbewegungsstrategien der Tiere ein.

Das Buch bietet Fakten ebenso wie Anekdoten und dürfte interessierten Schnelllesern gefallen. Bei gründlicherer Lektüre vermisst man allerdings wiederholt den roten Faden. Der abwechselnd klagende, ironische oder despektierliche Tonfall, in dem Cooke die durchaus brutalen Experimente früherer Zoologen schildert, transportiert außerdem eine klare Wertung. Formulierungen wie »der versnobte Kreis der europäischen Naturforscher«, »(…) spie der großspurige Comte de Buffon in einer seiner Tiraden« oder »Oviedos Lüge vom lethargischen Faultier« werden viele als störend empfinden. Darüber rücken spannende Informationen, etwa dass Geier einer bestimmten Art einen Schnabeldruck von 1,4 Tonnen pro Quadratzentimeter ausüben, etwas in den Hintergrund. Auch die Komik, die sich angesichts der Absurdität früherer Hypothesen oft ganz von selbst einstellt, leidet phasenweise unter dem unsachlichen Schreibstil.

Zwar präsentiert Cooke immer wieder überraschende und teils amüsante Fakten, die wegen ihres ungewöhnlichen Charakters gut im Gedächtnis bleiben. Da waren zum Beispiel jene Frösche, denen Wissenschaftler Unterhosen bastelten, und da ist der »feministische« Lebensstil von Hyänen. Dennoch läuft das Buch leider Gefahr, seine seriösen Leser schon nach wenigen Seiten zu verlieren.

24/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 24/2018

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