»Die Farben des Universums«: Der Urknall in Orange
Was beim ersten Durchblättern des Buchs überrascht: Es gibt keine Farbabbildungen! Na ja, bekanntlich sind nachts alle Katzen grau, und die Farbwahrnehmung kosmischer Objekte ist ein Thema für sich. Wir sollten uns jedenfalls nicht von den vielen bunten Bildern, oft in »Falschfarben«, täuschen lassen, die unsere Vorstellung vom Universum prägen. Es ist stets interessant, wenn die Astronomie nicht lehrbuchhaft, sondern aus einer bestimmten Perspektive dargestellt wird. Der bekannte Publizist Florian Freistetter hat sich für dieses Buch die Farbe als Thema ausgesucht. Sein Fachwissen vermittelt er gern mit Humor, schließlich ist er Mitglied der Kabarettgruppe »Science Busters«.
»Welche Farbe hat das Universum?« steht auf dem Umschlag. Die Antwort des Autors ist allerdings irreführend: »Das All ist nicht schwarz, sondern strahlt in allen erdenklichen Farben.« Eine vierdimensionale Raumzeit strahlt nicht, wohl aber die enthaltenen Objekte. Dem sichtbaren Spektrum folgend, gibt es Kapitel über »Rot«, »Gelb« bis »Violett«. Um dann 256 Seiten zu füllen, muss man gehörig ausschweifen. Erwartungsgemäß gelingt das dem Autor, ohne zu langweilen. Er spart nicht mit geschichtlichen Hintergründen, Wissenswertem zu Personen und netten Anekdoten. Auch gibt es kreative Vergleiche, etwa wenn Freistetter die Spektrallinien eines Elements als »Strichcode« bezeichnet. Insgesamt erfährt man eine Menge über Astronomie und Physik.
Ist die Sonne gelb oder weiß?
Was fällt einem alles zu »Rot« ein? Natürlich der Mars, die Sonne beim Auf- und Untergang, rote Überriesen wie Antares und natürlich die Rotverschiebung. Das Kapitel »Gelb« beginnt mit der Frage, wie Kinder die Sonne zeichnen. Natürlich gelb – doch ist das die korrekte Farbe? Freistetter erklärt anhand der spektralen Farbmischung, dass die Sonne eigentlich weiß erscheint. Interessant sind auch die Betrachtungen dazu, wie Pflanzen das Sonnenlicht aufnehmen. Gelb tritt auch bei Meteoroiden auf, sowohl beim Verglühen (Meteor) als auch in Überresten (Meteoriten), wenn sie Olivin enthalten. Das Kapitel »Orange« beginnt unkonventionell. Es geht um die astronomische Bedeutung der gleichnamigen Frucht. Gemeint ist nicht die Farbe: »Die Orange ist ein klassisches Anschauungsobjekt, wenn es darum geht, die Größen der Himmelskörper abzubilden.« Also: Erde = Orange, Mond = Kirsche und so weiter. Dann fragt der Autor: »Welche Farbe hatte der Urknall?« Sie ahnen schon: »Orange« (mehr will ich hier nicht verraten). Immerhin gibt es auch orangefarbene kosmische Objekte, etwa unseren Nachbarstern Alpha Centauri B. Es folgt ein Abschnitt über Temperatur, Spektralklassen und das Hertzsprung-Russell-Diagramm.
Jenseits des Regenbogens
Das Kapitel »Grün« präsentiert eine bunte Mischung: von planetarischen Nebeln über »grüne Erbsen Galaxien« bis hin zu den »kleinen grünen Männchen«. Bei »Blau« denkt man zunächst an die Himmelsfarbe, es gibt aber auch »blaue Blitze, die schneller als das Licht sind« – lassen Sie sich überraschen! Mit »Violett« ist die Grenze des sichtbaren Spektrums erreicht, aber nicht das Ende des Buchs. Denn in »Der große Rest« führt uns Freistetter zu »unbunten Farben« jenseits des Regenbogens. Sie besitzen weder Farbton noch Sättigung; gemeint sind Schwarz, Weiß und unterschiedlich helle Graustufen. Die Mondoberfläche ist ein Beispiel. Auch »Gold« und »Silber« sind keine Spektralfarben. Es gibt zwar keine kosmischen Objekte, die so aussehen, wohl aber Prozesse, welche die zugehörigen Elemente erzeugen. So entsteht Gold bei der Kollision von Neutronensternen. Und dann gibt es noch »unsichtbare Farben«. Gemeint sind die Spektralbereiche jenseits des sichtbaren Lichts. Am Ende des Buchs finden wir Literaturhinweise (hier dominieren Werke des Autors) und ein ausführliches Register.
Es gibt wenig zu bemängeln. An einer Stelle steht »Christan Doppler« (statt »Christian«). Unglücklich ist die Formulierung »Wenn man zwei hell leuchtende Sterne in einem Teleskop betrachtet, kann es durchaus scheinen, als hätten sie kontrastierende Farben, wie Blau und Rot.« Hier wird unterschlagen, dass es Doppelsterne mit unterschiedlichen Farben gibt, wie Albireo im Sternbild Schwan. Beim Planetarischen Nebel IC 1295 wird auf den »Index Catalogue of Nebulae und (!) Clusters of Stars« verwiesen, das Werk heißt aber nur »Index Catalogue« (IC). Im Register steht »Swan Leavitt, Henrietta« und im Text »Swan Leavitt« (ohne Henrietta); offenbar wird »Swan« dem Nachnamen zugerechnet, dabei ist »Swan« der auf die Mutter zurückgehende Mittelname.
Fazit: Ein interessantes Buch, das dem Leser astronomisches Wissen leicht verständlich und zugleich humorvoll vermittelt. »Roter« Faden ist die Farbe der kosmischen Objekte. Florian Freistetter setzt dieses Konzept überzeugend um – auch ohne Abbildungen. Er deckt dabei eine Vielzahl astronomischer und physikalischer Themen ab und scheut auch nicht vor schrägen Vergleichen zurück. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
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