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»Die Galerie des Wahnsinns«: Entstanden aus Trauer, Wut und Leidenschaft

Zu einem Gang durch die Extreme der Kunstgeschichte lädt dieses Buch ein. Die Erkenntnis: Irrsinn, Mord und Totschlag haben Künstler zu allen Zeiten fasziniert.

Zartbesaitete Leserinnen und Leser sollten sich ein wenig präparieren, da es hier ein wenig direkter wird. Denn es geht unter anderem um eine der heftigsten Beleidigungen, die je Eingang in die Kunstgeschichte fanden. 1676 stellte Sultan Mehmed IV. den äußerst freiheitsliebenden Saporoger Kosaken in der Zentralukraine ein Ultimatum. Das machte diese so wütend, dass sie beschlossen, die größtmögliche Beleidigung als Antwort an den Herrscher zu verfassen. In ihr wurde an Schimpfwörtern nicht gespart. So fragten die Kosaken den Sultan etwa, wer zum Teufel er eigentlich sei, dass er mit seinem nackten Hintern keinen Igel erschlagen könne.

Der russische Maler Ilja Jefimowitsch Repin (1844–1930) hielt diese Szene mit den beim Schreiben ihres Briefs tobenden Kosaken in einem großformatigen Bild fest. Man sieht aufgebrachte, verzerrte Gesichter. Die tumultartige Szene orchestrieren hämisch lachende, bärtige Männer. Zwischen ihnen wiegelt ein Glatzkopf die Meute weiter auf. Einer nerdigen Schreibkraft mit weißer Feder in der Hand sieht man die Freude über die Schmähungen, die er da zu Papier bringt, deutlich an. Der Wahnsinn regiert das Bild.

Sachliche Beschreibungen extremer Szenen

Beschrieben wird es in Edward Brooke-Hitchings »Die Galerie des Wahnsinns«. Zugegeben, während einem die Sensationslust schon ein wenig im Nacken sitzt, stellt man schnell fest: Die Schmähbriefszene ist bei Weitem noch nicht das skurrilste der rund 100 Kunstwerke, die der Autor in dieser Lektüre voller sonderbarer Gemälde, obskurer Schätze und anderer Kuriositäten präsentiert. Da sieht man etwa einen Ritter, dessen Kopf von einem Speer durchstoßen ist, die tote Gemahlin eines Königs, die gerade gekrönt wird, oder zwei äußerst entschlossene Frauen, die gerade dem assyrischen Feldherren Holofernes die Kehle durchschneiden, ohne dabei mit der Wimper zu zucken.

Im Gegensatz zu dem, was sich auf den Darstellungen in diesem Buch abspielt, wirken die Erläuterungen des Autors ziemlich nüchtern, sind also alles andere als sensationslüstern. Ausführlich erklärt er zu jedem Kunstwerk dessen Geschichte und Hintergründe. Das liest sich durchaus spannend und hilft dem Leser, angesichts all des Wahnsinns auf dem Boden der kunsthistorischen Tatsachen zu bleiben.

Von der Frühzeit bis zur KI-Kunst

Brooke-Hitchings Galerie ist chronologisch sortiert und präsentiert Ausreißer künstlerischen Schaffens aus der ganzen Menschheitsgeschichte. Denn solche Auswüchse gab es in jeder Epoche. Zu den ersten Zeugnissen eigenwilliger Kreativität dürfte die rund 38 000 Jahre alte »Venus vom Hohle Fels« gehören. Die Skulptur ist das erste Werk, das Brooke-Hitching in seinem Buch zeigt: eine Frauendarstellung mit übertrieben großen Gesäßbacken und Genitalien. Aus der Prähistorie führt uns der Autor dann durch die Antike und das Mittelalter bis in die Neuzeit.

Aus der Gegenwart finden sich am Schluss auch einige wenige Kunstwerke, die von künstlicher Intelligenz erschaffen wurden. Man fragt sich unwillkürlich: Wird die Zukunft der Kunst von Algorithmen und Sprachmodellen bestimmt? Können diese eines Tages ebenso Verrücktes hervorbringen wie die scheinbar unendliche Vorstellungskraft eines menschlichen Gehirns? Oder gar noch größeren Wahnsinn?

Brooke-Hitching hat dazu eine klare Meinung: Trauer, Genie, Wahnsinn, Wut, Leidenschaft und Humor – all das sind Facetten des Menschseins, die ein computergestütztes System niemals übernehmen, bestenfalls simulieren könnte. Kunst sei der Ausdruck dessen, was wir sind, schreibt Brooke-Hitching. Alles andere sei die Leinwand, auf die es vielleicht aufgetragen werde, nicht wert. Bleibt zu hoffen, dass er recht behält.

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