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Reis in der Chinesischen Mauer

Eine Bauingenieurin erzählt unterhaltsam von der Kunst, Brücken und Gebäude zu bauen. Sie stellt bahnbrechende Erfolge vor, aber auch Katastrophen.

Als Ivy Hodge morgens in die Küche ging, um sich einen Tee zu kochen, drehte sie das Gas auf und zündete ein Streichholz an. Einige Augenblicke später fand sie sich unter freiem Himmel auf dem Rücken liegend wieder. Eine Wand der Küche und des Wohnzimmers waren verschwunden, mehrere Etagen unter ihr waren wie ein Kartenhaus zusammengestürzt. Vier Menschen, die schlafend in ihren Betten gelegen hatten, starben bei dem Unglück.

Erstaunlicherweise war Ivys Trommelfell heil geblieben, die Druckwelle musste also ziemlich schwach gewesen sein. Deshalb hätte die Gasexplosion eigentlich nur eine Etage verwüsten dürfen. Der Grund dafür, warum das Bauwerk, ein Wohnturm in London, dennoch so stark beschädigt wurde, kam bei der späteren Analyse des Unfalls heraus. Für das Gebäude waren vorgefertigte statt vor Ort gegossene Betonplatten verwendet worden. Obendrein hatte man sie nur mangelhaft mit frischem Beton verbunden – eine Konstruktion, die bedenklich einem Kartenhaus ähnelte.

Römischer Mörtel

Die Bauingenieurin Roma Agrawal betont in diesem Buch, dass es für Ingenieure sehr wichtig ist, aus solchen Katastrophen die richtigen Lehren zu ziehen. Sie hat unter anderem den Wolkenkratzer »The Shard« in London – das zweithöchste Gebäude Westeuropas – mit geplant. Gestützt auf ihr Fachwissen erklärt sie unter anderem, warum die Twin Towers in New York nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 komplett in sich zusammenbrachen. Sie erläutert, warum Teile von Mexiko-Stadt nicht einsinken, obwohl sie auf einem See errichtet sind. Und sie zeigt auf, weshalb die Chinesen ihre große Mauer mit Reis bauten: weil sie nämlich hofften, dass die Klebkraft der Stärke die Verbindung von Stein und Mörtel unterstützen würde. Auch die Römer mischten ein recht ungewöhnliches Material in ihren Mörtel; sie meinten, mit beigefügtem Tierblut dessen Frostbeständigkeit zu erhöhen. Bei all diesen Exkursen geht die Autorin geschickt sowohl auf moderne Bauweisen als auch auf historische Durchbrüche ein, etwa die Entdeckung des Betons seitens der Römer.

All das ordnet die Autorin strukturiert in Kapiteln an. Sie erklärt nacheinander die Grundprinzipien, um Brücken, Hochhäuser, Tunnel oder Kanalisationsanlagen beständig zu konstruieren. Als roter Faden dienen ihr Aspekte, die für die jeweiligen Bauwerke wichtig sind – allerdings erscheinen diese etwas kryptisch: Kraft für Statik, Feuer für Brandschutz, Himmel für Hochhäuser oder Schmutz für Kanalisation. Der nützliche Index enthält sogar Begriffe wie Bruce Willis, Windgott oder Vogelschädel, denn das Buch geht unter anderem auf den Film »Armageddon« ein. Dort spielt eine bautechnische Methode eine Rolle, bei der ein Fixpunkt gesucht wird, an dem eine Explosion große Wirkung zeigen soll.

Erzählerisch und dennoch nüchtern berichtet die Autorin über historische Geschehnisse, bei denen Bauwerke versagten, und sie verdeutlicht, warum das jeweils geschah. Dabei überzeugt sie nicht nur mit fundiertem Fachwissen, sondern auch mit dem Verzicht auf reißerischen Stil. Ebenso vermeidet sie komplizierte Exkurse, so dass Laien ihr gut folgen können. Auf fast auf jeder zweiten Seite lockern handschriftliche Skizzen oder Fotos den Text auf. Insbesondere Letztere helfen dabei, sich die beschriebenen Gebäude vorzustellen, deren Namen nicht immer allgemein bekannt sind – etwa »The Gherkin«, den wie eine Gurke aussehenden Büroturm in London.

Das letzte Kapitel schließt mit einem Ausblick auf die Bauten der Zukunft. Etwas gehetzt geht die Autorin hier durch Themen wie 3-D-Druck, Verwendung unregelmäßiger Geometrie und Bionik, die unter anderem ultraschlanke Bleistift-Türme oder Häuser mit biologischen Formen möglich machen sollen. Alles in allem vermittelt das Werk ein grundlegendes Verständnis von der Materie und wird dem einen oder anderen Leser zu einem kompetenteren Blick auf Bauwerke verhelfen.

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