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Mission Impossible?

Der Journalist Bernhard Pötter liefert einen fundierten Bericht über das Versagen, die Klimakrise abzuwehren, und erläutert, wie es vielleicht doch noch klappen kann.

Eigentlich hat der Konzern Thyssenkrupp einen richtigen Weg eingeschlagen: Er plant, in Duisburg »grünen« Stahl herzustellen – mit Wasserstoff statt Kohle. Wäre da nicht der Handy-Klingelton der Pressesprecherin, den der Journalist Bernhard Pötter bei seinem Besuch mit der Filmmusik des Actionthrillers »Mission Impossible« ertönen hört. Dieses Detail zeigt: Pötter sieht und hört genau hin. Auch als er das VW-Werk in Zwickau besucht, wo nur noch E-Autos produziert werden, fällt ihm auf, dass vor den Hallen »die Parkplätze derzeit noch von Passats, Golfs und Polos vollgeparkt sind. Alle mit Verbrennungsmotoren.«

E-Autos allein retten nicht das Klima

Doch abseits von solchen ironischen Details, die zum Schmunzeln einladen, dominiert beim Autor eine fachlich fundierte Analyse des Scheiterns und der Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel. Pötter ist Journalist bei der »tageszeitung« (taz), weshalb er nicht nur Fakten liefert, sondern auch Besuche, Gespräche und Menschen vorstellt, die ihre Einschätzung geben. Er merkt an, dass VW gerade jetzt nach dem Dieselskandal Vorreiter bei der E-Mobilität ist. Und mahnt: Elektrische Autos machen allein noch keine klimaneutrale Zukunft. Städte müssten grundlegend neu gedacht werden, es brauche ein neues Baurecht, Geld für den öffentlichen Nahverkehr, und man müsse den Bundesverkehrsplan »entrümpeln«.

Unter anderem besucht Pötter einen engagierten Vogelschützer, der mit großem Einsatz für den Erhalt von Kormoranen, Graureihern und Bussarden gegen einen geplanten Windpark kämpft. Wie sich zeigt, ähneln seine Argumente denen von AfD-nahen Anti-Windkraft-Aktivisten. Wie sich herausstellt, wird er von ebenjenen beraten. Damit verdeutlicht der Autor, wie eine Vielzahl von Stiftungen und Vereinen, die teilweise für den Erhalt der Natur kämpfen, die Energiewende ausbremsen.

Zudem zerlegt Pötter den Wasserstoff-Hype und schildert, dass immer weniger Windräder aufgestellt werden, während die Totholzzonen in Wäldern zunehmen. Er hinterfragt kritisch die Maßnahmen, mit denen Kohlendioxid wieder aus der Luft gefischt werden soll, und zeigt, wer neben innovativen Firmen großes Interesse an genau diesen umstrittenen Techniken hat. Wenn man das aufgefangene Kohlendioxid vergraben würde, könnten große Ölkonzerne profitieren, die damit noch das letzte Öl aus den Bohrungen pressen können. Pötter lässt dabei auch Experten und Expertinnen zu Wort kommen, die diskutieren, ob Klimarettung im Kapitalismus überhaupt möglich ist, ob die These vom »gerechten Übergang« haltbar ist, und berichtet, wie die Justiz immer häufiger für den Umweltschutz einsteht und damit politische Entscheidungen zurückdreht.

Das Buch dreht sich aber nicht nur um Versäumnisse, sondern präsentiert auch vorbildliche Aktionen einzelner Städte. Denn die Zukunft werde sich nicht nur in der »Hauptstadtblase der Berliner Politik« entscheiden, so Pötter. Vielmehr sei wichtig, was in Ländern, Städten und Gemeinden getan werde. Die Klimarettung sei »vor allem eine Frage des Bodenpersonals – BürgermeisterInnen« und anderen engagierten Menschen. So wie in Tübingen, wo der grüne Oberbürgermeister Palmer in zehn Jahren die Stadt klimaneutral machen will, mit einem einstimmigen Beschluss des Gemeinderats.

Das Buch »Die Grüne Null« ist eine gelungene Hintergrund-Analyse, die aufdeckt, welche Akteure in der Klimakrise bremsen und wie einzelne Maßnahmen zu bewerten sind. Dabei beachtet der Autor auch kleinere Veränderungen. Selbst wenn Energiekonzerne, Schwerindustrie und Autohersteller bislang Fortschritt meist blockierten und selbst jetzt einige Schritte verhindern, sieht er deren klimafeindliche Front geschwächt: durch Umweltkatastrophen und populäre Bewegungen wie »Fridays for Future«.

Das Buch stimmt dennoch nicht wirklich hoffnungsvoll. Schon im Vorwort resümiert Pötter: »Es wird deutlich, dass all das nicht genügt, um den Anforderungen des Pariser Abkommens, den Warnungen der Wissenschaft oder dem Protest der Gesellschaft zu genügen.« Auch Carola Rakete, Aktivistin bei »Fridays for Future« und Kapitänin eines Rettungsschiffs, sagte: »Hoffen heißt: passiv sein, keine Macht haben. Entweder man hofft, oder man macht was.« Pötter hat etwas gemacht, indem er dieses sehr empfehlenswerte Werk verfasst hat. »Denn aufgeben ist keine Option«, wie er betont.

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