»Die heilende Kraft des Vagus«: Den Entspannungsnerv stärken
Wie bleiben Menschen gesund und entwickeln gar nicht erst eine schwere oder chronische Erkrankung? Mit dieser Frage befasst sich Maximilian Moser, Chronobiologe und Physiologe sowie Leiter des »Human Research Institut für Gesundheitstechnologie und Präventionsforschung« in Weiz (Österreich). In »Die heilende Kraft des Vagus« beschreibt er auf knapp 200 Seiten, welchen Einfluss der Vagusnerv auf unsere Gesundheit haben kann.
Der Vagusnerv verbindet unsere Organe mit dem Gehirn
Zunächst stellt Moser den Vagusnerv als Teil des vegetativen Nervensystems vor – also jenes Systems, das Atmung, Herzschlag und weitere wichtige Körperfunktionen regelt, ohne dass wir es willentlich steuern müssten. Der Nerv zieht sich vom Gehirn über die Lunge, das Herz und weitere Organe bis zu unserer Verdauung. Er ist der Hauptnerv des parasympathischen Systems, das unseren Körper auf Entspannung, Ruhe und Regeneration polt. Gegenspieler ist der aktivierende Sympathikus, der einen Kampf-oder-Flucht-Modus auslösen kann. Sind wir gesund, funktioniert das Wechselspiel zwischen Aktivierung (Sympathikus) und Entspannung (Vagus).
Als Indikator dafür, wie gut es uns gelingt, beide Systeme in eine gesunde Balance zu bringen, dient laut Moser die Herzfrequenzvariabilität. Sie gibt an, wie stark die Zeiten zwischen zwei aufeinander folgenden Herzschlägen im Laufe des Tages variieren. Je größer die Variation, desto besser kann sich unser Körper an verschiedene Situationen anpassen und dadurch gesund bleiben, so Moser. Eine geringe Variation hingegen spreche für ein ungesundes Verweilen im Anspannungsmodus – mit negativen Folgen für das Immunsystem, den Schlaf und die Regenerationsprozesse.
Gedichte laut vorlesen für die Gesundheit
Moser beschreibt anschaulich, wie er und Kolleginnen und Kollegen in den vergangenen Jahrzehnten die Herzfrequenzvariabilität nutzten, um Entspannung messbar zu machen, Gesundheit und Schlafqualität ihrer Patienten zu beurteilen und neue Präventionsmethoden zu entwickeln. So berichtet er zum Beispiel von einem Projekt, bei dem die Forscher die Gesundheit von Astronauten im Weltall überwachten. Die Astronauten trugen spezielle Jacken, die ihre Herzfrequenzvariabilität bestimmen konnten. Andere Projekte untersuchten, inwieweit rhythmische Atmung und Bewegung, etwa die Eurythmie, zu einer Aktivierung des Vagusnervs und damit zur Entspannung beitragen können. So fand das Team um Moser etwa heraus, dass das laute Vorlesen von Gedichten in einem bestimmten Versmaß unsere Atmung rhythmisieren und damit die Herzfrequenzvariabilität positiv beeinflussen kann.
Im zweiten Teil des Buchs gibt Moser alltagstaugliche Tipps, wie es gelingen kann, unser Nervensystem aus dem Kampf-oder-Flucht-Modus zurück in den Entspannungsmodus zu bringen. Die Ratschläge selbst sind nicht wirklich neu: So empfiehlt er etwa, Zeit in der Natur verbringen, Atemübungen zu machen, Stille und Ruhe zu suchen, sich gesund zu ernähren, sich rhythmisch zu bewegen und sich die schönen Erlebnisse des Tages bewusst zu machen. Spannend ist aber, wie Moser diese eigentlich altbekannten Methoden wissenschaftlich unterfüttert und in Verbindung mit dem vegetativen Nervensystem bringt. Dabei erklärt er beispielsweise die Wechselwirkungen zwischen Mikrobiom, Vagusnerv und Darm oder auch, wie der Vagusnerv unser Immunsystem steuert und welche Naturräume seinen Untersuchungen nach ein besonders hohes Entspannungspotenzial haben.
Entspannung statt ständiger Leistung
Insgesamt bereitet Moser das Thema unterhaltsam, gut verständlich und fundiert auf. Manchmal gehen seine Tipps und Gedanken dabei über das wissenschaftlich eindeutig Belegbare hinaus. So zieht er zum Beispiel Vergleiche zwischen seinen Erkenntnissen zum Schlaf und Aufzeichnungen, die aus dem alten Ägypten überliefert wurden. Wer offen für solche teils unkonventionellen Überlegungen und Ideen ist, wird Freude an diesem Buch haben. Wer eine nüchterne, rein fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema bevorzugt, sollte vielleicht besser zu einem anderen Buch greifen.
Insgesamt ist Moser ein lesenswertes und motivierendes Plädoyer für einen gesunden Lebenswandel gelungen, das auch mitunter Gesellschaftskritik übt. So hält es Moser für verfehlt, Patienten erst zu behandeln, wenn sie erkrankt sind, möglicherweise sogar schwer. Stattdessen plädiert er für eine Stärkung der Prävention in Form eines ausgewogenen Alltags, in dem Entspannung, Ruhe, der Kontakt zu Mitmenschen und zur Natur ihren Platz haben und nicht einem ständigen Leistungsdruck zum Opfer fallen.
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