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»Die heimlichen Heldinnen des Stoffwechsels«: Ist Gesundheit steuerbar?

Die Komplexität des menschlichen Stoffwechsels und besonders die Rolle der Mitochondrien beleuchtet Stefan Barth. Einen Schwerpunkt bilden Nahrungsergänzungsmittel.

»Mitochondrien« – mit etwas Glück erinnert man sich bei diesem Begriff an seinen Biologieunterricht zurück. Mitochondrien sind die Kraftwerke unserer Zellen, denn sie stellen mithilfe von Sauerstoff die Energie her, die für unser Leben notwendig ist. Stephan Barth vergleicht sie mit zellinternen Dirigentinnen, mit Harrys Zauberstab, ja sogar mit absoluten Superheldinnen. Wer die Verwendung der Endung »-innen« für vorauseilende politische Korrektheit hält, täuscht sich übrigens. Es gibt einen handfesten Grund, warum es sich bei Mitochondrien um weibliche Helden handelt: Sie werden ausschließlich durch die Eizelle der Mutter weitervererbt.

Stephan Barth hat sich jahrzehntelang mit Forschungsfragen der Physiologie, der Zell- und Molekularbiologie sowie der Agrar- und Ernährungswissenschaften auseinandergesetzt. Dabei interessierte er sich vor allem für Pflanzeninhaltsstoffe und ihre Wirkung auf den Zellstoffwechsel, sowohl in Zellkulturen als auch in lebenden Organismen. Sein besonderes Interesse galt der Frage, wie solche Wirkstoffe häufige menschliche Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes mellitus oder Dickdarmkrebs beeinflussen und wie man diesen vorbeugen könnte.

Superpower und Alltagsvampire

Vermutlich sind wir noch weit davon entfernt, unsere Gesundheit präzise »steuern« zu können, wie es Ingo Froböse in seinem Vorwort formuliert – der Gedanke ist allerdings verlockend. Und so lässt man sich gern ein auf die gut recherchierten Zusammenhänge zwischen Mitochondrien, der von ihnen produzierten Superpower und den Alltagsvampiren, die uns diese Energie wieder rauben wollen. Barth erklärt komplizierte zelluläre Stoffwechselwirkungen anschaulich und allgemeinverständlich; er wird dabei unterstützt von der Kommunikationsdesignerin Lea Hümbs, die das Ganze in aussagekräftigen Zeichnungen visualisiert.

Unterbrochen wird die fortlaufende Darstellung hin und wieder von sogenannten Deep Dives: Textabschnitten, die neuere wissenschaftliche Erkenntnisse oder einzelne Aspekte eines Themas genauer beleuchten. Ein persönlicher Energiecheck in Form eines Fragebogens und konkrete Empfehlungen zum »Mito-Reset« runden das Buch ab.

Barth spannt thematisch ein weites Netz. Er legt dar, wie unsere Zellen zusammenhängen und über unzählige Botenstoffe, Hormone und Nerven miteinander kommunizieren. Demnach produzieren allein unsere Muskeln mehr als 600 verschiedene Myokine, wenn wir uns bewegen. Einmal ans Blut abgegeben, nehmen sie Einfluss auf alle anderen Organe des Körpers, so Barth.

Auf die Balance kommt es an

Kommt das »Mitochondrial Information Processing System«, kurz »MIPS«, aus dem Gleichgewicht, drohen laut Barth typische zivilisatorische Krankheiten wie Diabetes mellitus, Adipositas, Autoimmunerkrankungen sowie Parkinson und andere neurodegenerative Erkrankungen. Barth möchte unsere Sinne dafür schärfen, Krankheiten nicht als isolierte Organprobleme zu sehen, sondern den Menschen als System zu begreifen und Krankheiten demnach als Folgen systemischer Fehlleistungen.

Zu Beginn des letzten großen Buchabschnitts, der Ratschläge für einen mitochondrienfreundlichen Lebensstil formuliert, weist der Autor darauf hin, dass für viele der von ihm genannten Lebensstilinterventionen keine evidenzbasierten Belege existieren. Ebenso gebe es bisher keine Beweise, dass die Supplementierung einzelner Stoffe unseren Körper vor Erkrankung oder Alterung verlässlich schützen könne. In den Publikationen, mit denen Barth seine Erläuterungen untermauert, ist mit Blick auf diese Zusammenhänge immer wieder die Rede von »Assoziationen«, von »Hinweisen auf« oder »spielen eine Rolle bei« – es werden also keine Kausalitäten belegt. Trotzdem gibt Barth am Ende seines Buchs die Empfehlung, dass schwangere und stillende Frauen, Menschen in intensiven Trainings- oder Belastungsphasen, Menschen ab 50 Jahren und solche, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, gezielt Mikronährstoffe ergänzen sollten. Je nachdem, wie belastet man sich fühlt, bleiben da nicht viele übrig, für die diese Empfehlung nicht gilt.

Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel?

Von den Tausenden an sekundären Pflanzenstoffen, die in unseren Lebensmitteln vorkommen, hat Barth neunzehn in seine Tabelle für eine mitochondrienfreundliche Ernährung aufgenommen. Dort findet sich auch die Anmerkung, dass ihre Wirkweise bisher nur in Modellsystemen bestätigt wurde und ein eindeutiger Beweis ihrer Wirksamkeit am Menschen aussteht. Barth selbst sagt, dass die besprochenen Pflanzenstoffe noch interessanter seien, wenn man sich die Synergieeffekte von Pflanzenstoffgemischen, wie sie in der Natur vorkommen, anschaue – vielleicht wäre es also am besten, Pflanzen als Ganzes zuzubereiten und zu verspeisen?

Über Sinn oder Unsinn der Supplementierung von Nahrungsergänzungsmitteln kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein. Aber Barth geht es nicht nur darum. Letztlich landet er mit seinem »30–20–16–Mitochondrien-Code« für ein gesundes Leben auch bei altbewährten Ratschlägen und gibt alltagstaugliche Hinweise zu ihrer Umsetzung – etwa zu körperlicher Bewegung, Stressreduktion und einer ausgewogenen Ernährung.

Das Buch ist kurzweilig zu lesen und erklärt anschaulich die komplexe Funktionsweise des menschlichen Körpers. Und je tiefer man eintaucht, desto größer erscheint einem das unendliche Universum an Botenstoffen und ihren Kommunikationsnetzwerken. Eine Leseempfehlung geht an alle, die diese Zusammenhänge genauer kennenlernen möchten, und ganz besonders an Fans der orthomolekularen Medizin.

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