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Zur Ehre Gottes

Die Gesellschaft Jesu, genannt "Jesuiten": ein katholischer Männerorden, im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen vom Adligen und ehemaligen Soldaten Ignatius von Loyola (1491-1556). Innerhalb weniger Jahrzehnte schaffte es diese Gemeinschaft, weltweit präsent zu sein. Gestützt auf ein dichtes Netz von Niederlassungen in Europa, gelangten Jesuiten bis nach Lateinamerika, Kanada, Indien und China, wo sie häufig wissenschaftlich arbeiteten. Sie waren an den wichtigen Höfen und Machtzentralen präsent und verkehrten in höchsten Kreisen. Quasi aus dem Nichts bauten sie ein umfassendes Bildungssystem auf und mischten in der naturwissenschaftlichen Forschung lange an vorderster Front mit. Zudem engagierten sie sich seelsorgerisch und karitativ für Arme und Ausgestoßene. Viele von ihnen erwarben sich bleibende Verdienste, etwa Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635), der den Hexenwahn seiner Zeit kritisierte.

Die Jesuiten verstanden sich als Elite und stellten in jeder Hinsicht hohe Anforderungen an sich. Aber was führte dazu, dass sie ebenso umstritten wie anerkannt waren? Warum war die Gemeinschaft zeitweise sogar verboten? In seinem mehr als 700 Seiten umfassenden Buch geht Historiker Markus Friedrich, Professor für europäische Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Hamburg, solchen Fragen nach. Er befasst sich mit der Geschichte, den Legenden und dem Mythos um die Gesellschaft Jesu.

Mit großem Bogen durch die Geistesgeschichte

Die Stärke des Werks liegt in seiner besonnenen Unaufgeregtheit. Historische Fakten verknüpft der Autor zu einer umfassend erzählten Geschichte, die weder Lobhudelei noch Antipathie erkennen lässt. Vielmehr besticht Friedrich mit umfassender Sachkenntnis bis in kleinste Details hinein – und oft sind es gerade sie es, die für spannende Lektüre sorgen. Als Leser(in) bekommt man nicht nur eine Ordenshistorie geboten, die das Beziehungsgeflecht innerhalb der Gemeinschaft behandelt und Einblicke in interne Strukturen gewährt. Man erfährt auch viel über die "äußere" Geistesgeschichte der frühen Neuzeit, mit umfassender Perspektive auf Kunst und Kultur, Kirche und Politik, Naturwissenschaft und Theologie. Das Buch spannt hierdurch einen weiten Bogen, doch diverse Anekdoten und Geschichten sorgen für eine lebendige, personennahe Darstellung.

Besonders interessant sind die Ereignisse um Galileo Galilei (1564-1642). Im Jahr 1611, als er in Rom sein Teleskop vorstellte, suchte er Anschluss an die Jesuitenastronomen vom Collegio Romano, der heutigen Päpstlichen Universität Gregoriana. Daraus entstand ein fruchtbarer Kontakt: Galilei profitierte von der Methodik und wissenschaftlichen Arbeitsweise der Jesuiten; umgekehrt setzten sich jene durchaus positiv mit seinen Erkenntnissen auseinander. Einige jesuitische Wissenschaftler unterstützten Galilei zunächst, obwohl dessen heliozentrisches Weltbild dem biblischen widersprach. In Schwierigkeiten kamen sie erst, als der Forscher darauf beharrte, es handle sich bei dem kopernikanischen Modell nicht nur um ein mathematisches Konstrukt, sondern um ein Abbild der Wirklichkeit. Selbst dann noch versuchten hochrangige Jesuiten lange Zeit, Galileo beizustehen.

Die Verurteilung des kopernikanischen Weltbilds im Jahr 1616 seitens der katholischen Kirche versetzte der empirischen Forschung einen Schlag, auch bei den Jesuiten. Dennoch veröffentlichte der jesuitische Astronom Giovanni Battista Riccioli (1598-1671) im Jahr 1651 das astronomische Standardwerk der frühen Neuzeit, "Almagestum novum astronomiam", das unter anderem wegen seiner detaillierten Mondkarte mit noch heute gültigen Formationsbezeichnungen berühmt wurde. Im Jahr 1757 fiel das kirchliche Verbot des Heliozentrismus; vermutlich hatte der jesuitische Mathematiker Rugjer Josip Boscovitch (1711-1787) dazu beigetragen.

Verbot und Wiedergründung

Es konnte wohl nicht ausbleiben, dass die weltweit agierenden, international vernetzten, elitebewussten und politisch einflussreichen Jesuiten auch Misstrauen provozierten und Neider hervorlockten. Die Geschichte des Ordens gleicht deshalb einer Achterbahnfahrt, einschließlich des vorübergehenden Verbots in Europa, das Papst Clemens XIV 1773 aussprach. Friedrich zufolge gab es nicht die eine Ursache dafür, vielmehr habe eine jahrzehntelang zunehmende antijesuitische Stimmung zu diesem Schritt geführt. Staatenlenker empfanden den politischen Einfluss der Gemeinschaft als bedenklich, Kirchenvertreter fürchteten die mächtige Parallelstruktur des Ordens in ihren Gebieten, und in der öffentlichen Debatte – besonders während der Aufklärung – standen Jesuiten schnell als schuldig an jeder Art von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen dar. Papst Pius VII begründete den Orden im Jahr 1814 wieder; nach Jahrzehnten der Revolution und der napoleonischen Kriege auch ein Symbol für die Rückkehr zu alten Machtstrukturen.

Im Rückblick entsteht der Eindruck, dass die Jesuiten bis ins 21. Jahrhundert hinein ihre spezifische Spiritualität bewahrt haben. Strenge Erforschung des Selbst, disziplinierte Hinwendung an die Welt und unbedingter Glaube an die eigene Botschaft bildeten durch die Zeiten hindurch das Fundament der Gemeinschaft. Friedrich kommt das Verdienst zu, die vielen Fäden der Ordensgeschichte zu einem lesenswerten Buch gebündelt zu haben.

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