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Unter der Mondsichel nach Westen

2014 behauptete der türkische Präsident Erdogan, muslimische Seefahrer hätten Amerika bereits 1178 entdeckt, also mehr als 300 Jahre vor Christoph Kolumbus. Das folgerte Erdogan aus einem Tagebucheintrag des italienischen Seefahrers, in dem dieser vermeintlich von einer Moschee in der Neuen Welt berichtet hatte; tatsächlich jedoch hatte Kolumbus einen kubanischen Hügel mit der Wölbung einer Moscheekuppel verglichen. Historiker sind sich einig, dass Erdogans Äußerung haltlos ist; dennoch wirft die Seefahrtsgeschichte der islamischen Welt noch immer Fragen auf.

Fuat Sezgin, Leiter des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften in Frankfurt, zählt zu den bedeutendsten Forschern auf diesem Gebiet. Seine wichtigsten Publikationen fasst die Wissenschaftsjournalistin Susanne Billig in diesem Band zusammen. Daraus ergeben sich verschiedene Indizien dafür, dass arabische Seefahrer bereits vor Kolumbus den neuen Kontinent entdeckt haben könnten.

Anregungen aus Indien, Griechenland und Persien

Das Buch lenkt den Blick auf die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften des islamisch-arabischen Kulturraums, ohne die eine gezielte Atlantiküberfahrt unmöglich gewesen wäre. Wie Sezgin anhand vieler Quellen belegt hat, trugen arabische Wissenschaftler während des Mittelalters nicht nur überliefertes Wissen anderer Kulturen zusammen, sondern entwickelten dieses auch selbst weiter. Ihre geografisch zentrale Lage ermöglichte es ihnen, sowohl indische als auch griechische und persische Arbeiten zu studieren.

In mehreren Abschnitten erfahren die Leser, welche Beiträge die arabisch-islamischen Gelehrten zur Astronomie, Nautik, Geografie und Kartografie leisteten. Zahlreiche Abbildungen von astronomischen und nautischen Instrumenten ergänzen den Text. Wie diese funktionierten und welchen Zwecken sie dienten, erklärt Billig auf anschauliche Weise. Anhand zahlreicher Karten können die Leser nachvollziehen, welche Fortschritte die Kartografie im Lauf der Zeiten machte.

Verblüffend präzise Karte

Am Ende legt die Autorin dar, warum Sezgin davon ausgeht, arabische Seefahrer hätten den Atlantik vor Kolumbus gezielt überquert. Hierzu stellt sie die 1500 entstandene Karte des osmanischen Admirals Piri Re'is vor, die Forschern noch heute Rätsel aufgibt. Die Karte zeigt den Atlantikraum einschließlich einer detailgetreuen Abbildung des südamerikanischen Kontinents. Re'is behauptete seinerzeit, sein Werk fuße auf verschollenen Plänen von Kolumbus. Sezgin zufolge waren abendländische Kartografen damals aber noch nicht in der Lage, so genaue Darstellungen anzufertigen. Darum müsse Kolumbus mindestens ein Exemplar aus dem islamisch-arabischen Kulturraum besessen haben, auf dem der amerikanische Kontinent bereits eingezeichnet war.

Laut Sezgin versuchten arabische Seefahrer seit dem 12. Jahrhundert, den Ozean zu überwinden, um den asiatischen Kontinent zu erreichen. Dabei hätten sie einige karibische Inseln sowie die Ostküste Brasiliens entdeckt. Wie die angeblich von ihnen stammende Karte in Kolumbus’ Besitz übergegangen sei, geht aus dem Band nicht klar hervor. Mangels Beweisen sind Wissenschaftler uneins, ob diese These stimmen könnte.

Billig gelingt es, ihren Lesern einen Einblick zu vermitteln in ein kompliziertes Forschungsgebiet, auf dem noch viele Fragen offen sind. Leider fällt das Buch sehr technisch aus. Die Autorin erwähnt zwar historische Wendepunkte, die den arabisch-islamischen Kulturraum prägten, geht aber kaum näher auf sie ein. Zudem behandelt sie nicht die Motive, die arabische Seefahrer zur Atlantiküberquerung getrieben haben könnten. Unbefriedigend ist vor allem, dass dem Buch ausschließlich Sezgins Arbeiten zu Grunde liegen; andere Publikationen werden nicht diskutiert.

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