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Chance statt Hindernis

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das schätzungsweise jeden fünften bis siebten Menschen betrifft. Untersuchungen zufolge ist das Nervensystem von Hochsensiblen besonders empfänglich für äußere und innere Reize. Es verarbeitet diese tiefer, so dass sich die Betroffenen schneller reizüberflutet fühlen, emotional heftiger reagieren und die Welt intensiver erleben. Die Charaktereigenschaft kann ganz unterschiedlich ausgeprägt sein, was es schwer macht, sie bei sich oder anderen zu erkennen oder allgemein gültige Tipps für den Umgang damit zu geben.

Autorin Ilse Sand ist Psychotherapeutin und selbst hochsensibel. Ihr Buch richtet sich vor allem an Betroffene, die ihre "Wahrnehmungsbegabung" positiv nutzen möchten, sowie an Angehörige, Arbeitgeber und Fachexperten. Sand lädt die Leser dazu ein, die Charaktereigenschaft anzunehmen und wertzuschätzen. Dabei scheut sie sich nicht, von eigenen Erlebnissen zu berichten, etwa: "Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, in meinem Kopf keine weiteren Informationen mehr aufnehmen zu können, wenn ich zu vielen Reizen ausgesetzt bin."

Der Preis der Empfindlichkeit

Viele Hochsensible schämten sich für ihren Wesenszug, schreibt Sand. Es sei wichtig, sich davon zu befreien. Schuldgefühle beeinträchtigten das Leben vieler feinfühliger Zeitgenossen: "Es würde Ihnen sicherlich guttun, sich nicht ständig zu entschuldigen und stattdessen das schlechte Gewissen auszuhalten. Das ist nämlich der Preis, den Sie manchmal bezahlen müssen, um sich selbst treu zu bleiben." Auch den Umgang mit Wut hält die Autorin für entscheidend, da dieses Gefühl tiefer liegende Emotionen verdecke, etwa Trauer.

Hinderlich für ein gesundes Selbstwertgefühl seien oft unbewusste Lebensregeln, die man wie ein Korsett mit sich herumtrage. Etwa die Ansicht, es allen recht machen zu müssen, so dass eigene Bedürfnisse nicht wahrgenommen und erfüllt werden. "Bereits allein dadurch, dass Sie sich mit Ihren Lebensregeln kritisch beschäftigen und auseinandersetzen, wird ein positiver Prozess in Gang gesetzt", glaubt die Psychotherapeutin. Außerdem gibt sie konkrete Tipps, wie man ein Leben mit Hochsensibilität effektiv gestalten kann. Zum Beispiel könnten Betroffene lernen, Gespräche so zu steuern, dass sie aus ihnen Kraft schöpften, anstatt "im Wortschwall des Gegenübers zu ertrinken". Dafür müssten sie erkennen, auf welcher Gesprächsebene sie sich gerade bewegten, und aktiv Einfluss auf die Tiefgründigkeit der Konversation nehmen. Sand präsentiert auch eine Sammlung Energie bringender Aktivitäten, aus der jeder Leser eine für sich passende heraussuchen kann. Zudem ist es möglich, sich in einem eigens entwickelten Hochsensibilitätstest zu prüfen.

Erfahrungsberichte von Klienten lockern das Buch auf. Es ist Sand ein Anliegen, psychische Leiden unter Einbeziehung von Hochsensibilität neu zu betrachten. Sie glaubt, eine psychotherapeutische Standardbehandlung könne bei Patienten mit diesem Persönlichkeitsmerkmal zu einer Verschlechterung des Zustands führen.

Der Markt wird zwar geradezu überschwemmt mit Literatur zu diesem Thema. Ilse Sand setzt mit ihrem Erstlingswerk – in Dänemark und Schweden bereits ein Bestseller – dennoch Maßstäbe. Denn ihr glückt das Kunststück, Hochsensibilität in ihrem Kern zu erfassen und hochsensiblen Lesern eine wohlüberlegte Anleitung zum Umgang mit sich selbst an die Hand zu geben.

15/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15/2017

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