»Die Kunst der Alchemie«: Wissenschaft, Kunst oder Esoterik?
Für den römischen Kaiser Caligula (12–41) schien die Beschaffung von Gold offenbar nur eine Frage der Färbung zu sein. So weiß es jedenfalls Plinius der Ältere (23/24–79) in seiner »Naturgeschichte« (»Naturalis historia«) zu berichten. Dort heißt es, Caligula habe das bei Malern beliebte, goldglänzende Orpiment für einen Versuch genutzt, um in großen Mengen Gold herstellen zu lassen. Allerdings sei die Ausbeute dabei im Verhältnis zum Aufwand so gering gewesen, dass der Versuch nicht wiederholt worden sei. Dass die vermeintliche Herstellung von Gold ein wirtschaftliches Verlustgeschäft ist, erfuhren auch in den folgenden Jahrhunderten viele Herrscher und Alchemisten. Doch es wäre falsch, die Geschichte der Alchemie auf (oft betrügerische) Versuche der Gold- und Silbermacherei, zur Herstellung des »Steins der Weisen« oder eines Lebenselixiers zu reduzieren.
David Brafman, Kurator für seltene Bücher am Getty Research Institute in Los Angeles, begibt sich in seinem Buch auf historische Spurensuche und widmet sich der Alchemiegeschichte in sieben Kapiteln. Sie behandeln deren Ursprünge im antiken Ägypten und Griechenland, führen über die islamische und europäische Alchemie des Mittelalters in die Frühe Neuzeit. Betrachtet werden etwa der spätantike Alchemist Zosimos aus Panopolis (3./4. Jahrhundert) sowie der legendäre Hermes Trismegistos, dem viele sogenannte hermetische Schriften zugeschrieben wurden. Geber (Dschābir ibn Hayyān, 8. Jahrhundert) sowie Rhazes (ar-Rāzī, 865–925) sind Beispiele für Alchemisten des arabischen Raums. In seiner Darstellung richtet der Autor seinen Blick in eigenen Kapiteln auch auf die indische und die chinesische Alchemie, die unter hinduistischem sowie daoistischem Einfluss standen. Ebenso werden die europäischen Alchemieverbote des Mittelalters sowie der spekulative Transmutationsprozess zur Veredelung vermeintlich unedler Stoffe im Kontext einer spirituellen Weltsicht beschrieben. Dabei hebt Brafman auch das immer wieder auftretende Spannungsverhältnis zwischen naturphilosophischem Erkenntnisstreben, alchemistischer Medizin und Quacksalberei hervor.
Der Autor zeigt, dass es vielen Alchemisten um nicht weniger ging als das grundlegende Verständnis des Kosmos und der ihn zusammenhaltenden Prinzipien. Den Umgang mit den chemischen Substanzen und Metallen sowie die Durchführung alchemistischer Prozesse wertet Brafman als eine handwerkliche Kunst. Sie hatte nicht nur großen Einfluss auf die Entstehung der neuzeitlichen Chemie, sondern auch auf die Herstellung von Farbstoffen und somit auf die Malerei.
Zwar betrachtet Brafman die vielfältigen Wurzeln des alchemistischen Handelns sowie seine Ergebnisse in ihrer Breite, setzt jedoch gleichzeitig den Schwerpunkt auf die Produktion von Farbstoffen, Pigmenten und Bindemitteln. Das ist durchaus berechtigt: Über Färbungen glaubte man, Verbindungen zwischen einzelnen Stoffen und ihren Eigenschaften herstellen zu können, ebenso spielten sie eine große Rolle im Fortschritt des Transmutationsprozesses. Während die Schwärzung (»nigredo«) für den Zerfall eines Stoffes stand, wurde die Weißfärbung (»albedo«) als Reinigung und die Rotfärbung (»rubedo«) als Weg zur Vollkommenheit interpretiert.
Färbungen und Farbstoffe
Auch inspirierte das alchemistische Handeln die Entstehung zahlreicher Kunstwerke, in denen chemische Substanzen und Prozesse dargestellt werden. Diese prägen auch das vorliegende Buch. Sie zeigen neben Laborgeräten allegorische Königinnen und Könige, Drachen, Sumpfmenschen, Jungfrauen, Hermaphroditen, zerstückelte Königskörper oder die »chemische Hochzeit«, die eine chemische Verbindung symbolisiert. Neben abstrakten und nur dem Adepten verständlichen Symbolen zur Bezeichnung von Stoffen und Planeten sind auch diese Bilder Ausdruck des geheimen (»arkanen«) Charakters alchemistischen Denkens. Der vom Autor zitierte Celentano di Valle Nove brachte es 1606 in seinem »Buch der alchemistischen Formeln« mit einer Bildunterschrift auf den Punkt: »Wenn du, Leser, diese Figur verstehst, wirst du den Stein der Weisen haben«.
Letztlich wirkt die Fokussierung des Autors auf Färbungen und Farbstoffe doch etwas zu einseitig, als dass so ein Gesamtbild der alchemistischen Einflüsse auf die modernen Naturwissenschaften entstehen könnte. So schlägt Brafman auch am Ende des Buchs im Kapitel »Das Vermächtnis« nur indirekt den Bogen zur modernen Chemie. Stattdessen thematisiert er vor allem die Auswirkungen der Alchemie auf die Farbstoffindustrie des 18. und 19. Jahrhunderts.
Insgesamt ist das Buch verständlich geschrieben. Die vielen farbigen Abbildungen veranschaulichen die Zusammenhänge sehr gut und regen zur weiteren Beschäftigung mit der Alchemiegeschichte an. Zwar gibt es ein Literaturverzeichnis, doch leider wurde auf ein Personen- oder Sachregister sowie auf ein Quellenverzeichnis verzichtet. »Die Kunst der Alchemie« richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für den kultur- und kunsthistorischen Kontext der Alchemie interessieren. Vorkenntnisse sind nicht notwendig.
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