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Einmaleins des gepflegten Dialogs

»Die Kunst des Miteinander-Redens« erklärt nicht nur die Regeln für eine gelingende Kommunikation, es lebt sie auch selbst vor.

»Zu sagen, das Seiende sei und das Nichtseiende sei nicht, ist wahr.« So einfach, wie der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) es in diesem Satz darzustellen scheint, ist der Umgang mit der Wahrheit meist nicht. Komplexe Sachverhalte auf ein einfaches »wahr oder falsch« einzugrenzen, ist oft nicht möglich. So gibt es etwa bei den großen Fragen wie »Was ist der Sinn des Lebens?« oder »Wie gelingt die Energiewende am besten?« keine einzig wahre, allgemein gültige Antwort. Hilfreich bei der Suche nach Wahrheiten ist es jedoch, sich mit anderen auszutauschen. Wie ein konstruktiver Dialog gelingen kann und welche Fehler Politik und Gesellschaft häufig machen, arbeiten die Autoren in diesem Buch heraus, welches selbst als ein solcher Dialog angelegt ist.

Querdenker | Sollte man mit Querdenker-Demonstranten oder Trump-Fans diskutieren? Ja, finden die Autoren. Ein Mindestmaß an Wertschätzung und der Versuch, andere Auffassungen zu verstehen, seien wichtig, um aus der Spirale der Eskalation herauszukommen.

Die beiden können getrost als Spezialisten auf dem Gebiet der Kommunikation gesehen werden: Bernhard Pörksen hat den Lehrstuhl für Medienwissenschaft der Universität Tübingen inne und beschäftigt sich unter anderem mit Skandal- und Krisenkommunikation sowie den Folgen der Digitalisierung und Vernetzung für Kommunikation und Medien. Er übernimmt meist die Rolle des Interviewenden, stellt Fragen und lenkt die Gedankengänge. Friedemann Schulz von Thun ist Kommunikationswissenschaftler und emeritierter Professor für pädagogische Psychologie der Universität Hamburg. Sein in den 1970er Jahren entwickeltes Vier-Seiten-Modell der Kommunikation wird bis heute in Schulen und Universitäten gelehrt. Er gibt viele Antworten, stellt aber ebenfalls Fragen, wodurch sich über weite Strecken ein gleichberechtigter Dialog entspannt. Ein Nachteil der Dialogform ist, dass sie auf Kosten der Ordnung und Hierarchisierung geht. Wichtige Punkte wiederholen die Autoren daher, was aber nicht weiter stört.

Wann Diskussionen scheitern

Eine zentrale These des Buchs: Wenn man konstruktiv mit anderen sprechen möchte, braucht es ein Mindestmaß an Wertschätzung. Ohne diese kann kein Dialog zu Stande kommen, bei dem man sich gemeinsam der Wahrheit annähert. So einleuchtend und selbstverständlich dies erscheinen mag, so selten wird es tatsächlich umgesetzt. Stattdessen attackieren Menschen ihre Gesprächspartner häufig persönlich, und die Fronten verhärten sich. An konkreten Beispielen analysieren die Autoren, wann Diskussionen ins Unkonstruktive abgleiten – und scheitern.

Zudem zeigen die beiden, dass in vielen Fällen, in denen wir technische Faktoren (wie Filterblasen der sozialen Medien oder Algorithmen, die den Zugang zu Informationen bestimmen) für die Ursache einer missglückten Kommunikation halten, dies auch kognitionspsychologisch erklärt werden kann. Etwa durch den Bestätigungsfehler (auf Englisch: confirmation bias), unsere Neigung, Informationen so auszuwählen, dass sie unseren Erwartungen entsprechen.

Das Buch ist neben einem Vor- und Nachwort in vier lose Kapitel gegliedert, die sich den Themen Polarisierung, Möglichkeiten des Dialogs, Transparenz und Desinformation widmen. Es beschäftigt sich mit ganz aktuellen Fragen: Sollten wir mit FPÖ-Politikern, Querdenker-Demonstranten und Trump-Fans sprechen? Ja, finden die Autoren. Man müsse andere Auffassungen allerdings erst einmal verstehen. »Nicht die Widerlegung ist das erste Ziel des Miteinander-Redens«, schreiben sie. An die Stelle des Wahrheitsdisputs trete die Anstrengung des Verstehens.

In einer Zeit, die die Autoren als »kommunikativen Klimawandel« bezeichnen, in der Hass und Wut das Klima in Debatten bedrohen, ist ein Einmaleins einer gelingenden Kommunikation wichtiger denn je. Das Werk zeigt Auswege aus der Spirale der Eskalation auf und ist bereichernd und verständlich. Seine größte Stärke: Es lebt seine zentralen Thesen von Wertschätzung und gemeinsamer Wahrheitssuche in einem respektvollen Ton selbst vor.

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