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Inszeniertes Misstrauen

Rücksichtslose Machtpolitik unter Ausnutzung aller Mittel: Der so genannte Machiavellismus macht auch vor der Wissenschaft nicht halt. Vor allem dann nicht, wenn wirtschaftliche Interessen mit Gesundheits- und Umweltproblemen kollidieren.

Zur frühen Meisterschaft im wissenschaftspolitischen Ränkespiel brachte es die Tabakindustrie, die sich bereits in den 1960er Jahren dazu gezwungen sah, Zigaretten und andere Tabakwaren vor einem Imageverlust zu bewahren – denn die gesundheitlichen Schäden des Rauchens wurden schon damals immer offensichtlicher. Die Strategie lautete, gezielt Zweifel daran zu säen, dass Rauchen Krebs, Gefäßerkrankungen und andere Leiden verursacht.

Zu diesem Zweck brachten sich vier amerikanische Physiker in die Debatte ein: Frederik Seitz, Robert Jastrow, Bill Nierenberg und Fred Singer. Sie verfolgten offenkundig das Ziel, wissenschaftliche Fakten zu torpedieren, die an und für sich unstrittig waren. Unter dem Vorwand, sie wollten "zur Vorsorge und zur Heilung von Krankheiten beitragen [...], für die Tabakerzeugnisse die Ursache sein könnten", unterstützten und steuerten sie wissenschaftliche Projekte, die sich der Erforschung tabakassoziierter Gesundheitsprobleme widmeten. Tatsächlich aber wollten sie Indizien dafür sammeln, dass auch andere Einflüsse diese Leiden verursachen können – um so das Rauchen zu entlasten. Es ging letztlich darum, "Wissenschaft mit Wissenschaft zu bekämpfen", wie es im vorliegenden Buch heißt.

Verwirrung stiften

Unter Führung der vier Physiker wurden gezielt Falschinformationen und Fehlinterpretationen gestreut, Meinungen und Medien manipuliert, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft strategisch untergraben und unliebsame Wissenschaftler fachlich kaltgestellt. Diese "Tabakstrategie" funktionierte so gut, dass Lobbyisten sie seither bei zahlreichen weiteren gesundheits- und umweltpolitischen Debatten anwendeten. Egal, ob es um sauren Regen, das Ozonloch, den Klimawandel oder den nuklearen Winter ging. Immer wieder hatte das Physikerquartett dabei seine Hände im Spiel – ungeachtet der fachlichen Qualifikation der Herren.

Die amerikanischen Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik Conway haben akribisch recherchiert, wie es die Strategie der gezielten Verwirrung stets aufs Neue vermag, längst anerkannte Fakten als umstritten darzustellen. Kompetent beschreiben die Autoren, inwieweit sich offene Fragen und kontroverse Daten (die bei ehrlichem wissenschaftlichen Arbeiten immer anfallen) instrumentalisieren lassen. Dabei richten Oreskes und Conway ihren Blick zwar konsequent auf die USA. Dass in anderen Teilen der Welt ähnliche Ränke geschmiedet werden, darf man jedoch getrost voraussetzen.

Das Buch liest sich wie ein Thriller und gründet doch auf solidem fachlichen Fundament, wovon unter anderem die ausführlichen Literaturangaben zeugen. Man mag kritisieren, dass die wissenschaftliche Akribie des Werks zu zahlreichen Redundanzen führt, denn jeder Fall – von der Tabakindustrie über den sauren Regen bis hin zur Klimaerwärmung – wird einzeln aufgerollt und diskutiert. Doch andererseits verdeutlichen gerade diese vielen Wiederholungen, mit welch erschütternder Zuverlässigkeit die Methode des inszenierten Misstrauens seit Jahrzehnten funktioniert. Ein sehr aufschlussreiches Werk.

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