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Eine Welt so voll wie noch nie

Was lässt sich aus demografischen Daten über künftige Entwicklungen herauslesen?

Eine erstaunliche und folgenreiche Entwicklung prägt die Welt seit dem 19. Jahrhundert. Nimmt man für die Zeit Iulius Caesars im 1. Jahrhundert v. Chr. noch eine Weltbevölkerung von rund 250 Millionen Menschen an, so hatte sie sich bis zum 19. Jahrhundert (also in zwei Jahrtausenden) auf gerade einmal eine Milliarde vervierfacht. Doch seither – sprich, in den zurückliegenden 200 Jahren – ist sie auf 7 Milliarden Menschen explodiert. Der britische Demografieforscher Paul Morland widmet sich diesem globalen Sprung in der Bevölkerungszahl und seinen historischen Auswirkungen. Dazu stellt er zunächst die historische Bedeutung der Bevölkerungswissenschaft heraus. Anschließend betrachtet er den demografischen Wandel auf allen Kontinenten.

Morland richtet seinen Blick zunächst auf England. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit durchlief die Einwohnerzahl dort zyklische Veränderungen: auf langsame und stetige Wachstumsphasen folgten Einbrüche infolge von Seuchen, Hunger und Kriegen. Ab etwa 1800, der Zeit der beginnenden Industrialisierung, änderte sich das. England hatte nicht wie Kontinentalstaaten unter durchziehenden Armeen zu leiden, Seuchenausbrüche ließen im Zuge medizinischer und technischer Verbesserungen nach und die Nahrungsmittelversorgung verbesserte sich durch weltweiten Handel. Die Todesrate sank, zugleich stieg die Fertilitätsrate – englische Frauen brachten also mehr Kinder auf die Welt, von denen weniger starben. Begünstigt wurde dies durch das Absinken des durchschnittlichen Heiratsalters von 26 auf 23 Jahre, eine Veränderung, die laut Morland zu drei zusätzlichen Jahren Fertilität pro Frau führte.

Globale Dominanz infolge vieler junger Menschen

Die veränderten wirtschaftlichen und technischen Verhältnisse griffen auf den europäischen Kontinent über und führten in der Folge auch hier zum Anwachsen der Bevölkerung. Zu den vielen Folgen gehörten Migrationsbewegungen in die außereuropäische Welt hinein. Ihre wirtschaftliche und militärische Umsetzung erfolgte im Rahmen des Kolonialismus. Für lange Zeit begründeten sie die globale europäische Dominanz.

Wie sehr Bevölkerungszuwachs und wirtschaftlich-militärische Macht bis heute miteinander verknüpft sind, zeigt Morland am Beispiel Chinas. Der gigantische Staat unterhält nicht nur eine große und zunehmend besser gerüstete Armee, sondern verfügt aufgrund seiner Einwohnerzahl über ein gewaltiges Produktivpotenzial und stellt einen riesigen Wirtschaftsmarkt.

Heute jedoch schlagen weitreichende Veränderungen in der demografischen Entwicklung durch. Denn während die Lebenserwartung enorm zugenommen hat, geht die Geburtenrate insbesondere in den westlichen Ländern zurück. Zu den Ursachen zählen Empfängnisverhütung, ein höheres Bildungsniveau und die Berufstätigkeit von Frauen. In Ländern wie China wiederum zeitigt die ehemalige Ein-Kind-Politik ihre Folgen. Das wird globale Auswirkungen haben, wie Morland prognostiziert: Das Durchschnittsalter werde steigen, das Bildungsniveau zunehmen und die Bevölkerungen gesetzter und weniger risikobereit sein – was Gewaltkonflikte weniger wahrscheinlich mache. Die europäische beziehungsweise westliche Dominanz werde weiter zurückgehen.

Die grundlegenden Entwicklungen, die Morland beschreibt, sind keineswegs neu und inzwischen gut untersucht. Auch die globale Bedeutung der Bevölkerungsentwicklung ist unbestritten. Problematischer ist jedoch die Deutung statistischer Daten. So kann man unterschiedlicher Ansicht darüber sein, ob eine ältere Bevölkerung in jedem Fall gesetzestreuer und weniger risikobereit ist. Auch Morland betont, dass er dies keinesfalls verallgemeinern möchte, da immer auch wirtschaftliche und politische Faktoren eine Rolle spielen. Äußerst spekulativ erscheint es, wenn er argumentiert, dass Syrien vielleicht nie im Bürgerkrieg versunken wäre, hätte das Durchschnittsalter seiner Bevölkerung (ca. 24 Jahre) näher an dem der Schweiz (ca. 42 Jahre) als an dem des Jemen (ca. 19 Jahre) gelegen.

Zwar ist das Buch eine Fundgrube für statistische Vergleiche. Doch leider erfolgen diese, von wenigen Tabellen abgesehen, ausschließlich im Text. Auf Grafiken oder Karten haben Autor und Verlag komplett verzichtet. Unterm Strich eignet sich das Werk dennoch für historisch und weltpolitisch interessierte Leser, die den komplexen globalen Entwicklungen der zurückliegenden 200 Jahre auf Basis demografischer Zusammenhänge nachgehen möchten. Historische Kenntnisse sollten vorhanden sein.

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