Direkt zum Inhalt

Buchkritik zu »Die nackte Eva«

Der 1928 geborene britische Zoologe und Verhaltensforscher Desmond Morris wurde Ende der 1960er Jahre erstmals mit seinem internationalen Bestseller "Der nackte Affe" bekannt. Dem folgten weitere Erfolge wie "Dogwatching", "Catwatching" und "Bodywatching" (deutsch "Körpersignale"). Aus einer anfänglich geplanten, revidierten Neuauflage des letzten Titels entstand "Die nackte Eva", die noch "einige wenige Passagen" des Vorgängers enthält.

Daher rührt auch die Gliederung des Buchs, die jede Körperregion in einem eigenen Kapitel begutachtet. Offensichtlich ist es dem Autor jedoch nicht gelungen, sich von seinem alten Konzept so weit zu lösen, dass er dem neuen Aspekt weiblicher Schönheit gerecht geworden wäre. Nicht nur einige wenige, sondern sehr viele Passagen aus "Bodywatching" findet man in leicht abgeänderter Form in der "Nackten Eva" wieder. Dadurch überwiegt oft der Anteil an allgemeiner Anatomie und Funktionalität der Körperteile.

Um das auszugleichen, hängt der Autor an jedes Kapitel einzelne Geschichten über die entsprechende Körperpartie an, von kulturellen Unterschieden beim weiblichen Schönheitsbegriff bis hin zu diversen altertümlichen und modernen Techniken der Manipulation. So erfährt der Leser, dass Lidschatten bereits im alten Ägypten verwendet wurde, wie der Zungenkuss entstand, in welchen Kulturen Halsverlängerungen schick sind und dass Frauen mit Zungenpiercing besonders vom Blitzschlag gefährdet sind. Das Märchen von Aschenputtel geht darauf zurück, dass in China traditionell kleine Füße bei Frauen als Schönheitsmerkmal gelten.

So interessant und amüsant viele der Geschichten sind, es fehlt dem Buch doch eine neue Kernaussage. Morris vermischt kulturhistorische und biologische Aspekte; dagegen schweigt er über grundlegende Erklärungsansätze aus der Theorie der sexuellen Selektion, die körperliche Merkmale und die Präferenzen für diese als adaptiven evolutionären Prozess sehen und damit hilfreich für ein fundamentales Verständnis von Schönheit und Ästhetik sind. Häufig erklärt er Merkmale als Folge der Neotenie – der Mensch ist, verglichen mit seinen nächsten evolutionären Verwandten, ein Spätentwickler; oder sie hätten sich ausgebildet, weil sie ein Spiegel weiblicher Genitalien seien; weitere Hypothesen führt er nicht an. Andere dagegen sind sehr gewagt, und die Erkenntnisse mancher Kapitel entsprechen nicht dem neuesten Stand der Forschung.

Es wäre wünschenswert gewesen, hätte Desmond Morris in der "Nackten Eva" jüngere Arbeiten aus Bereichen der Evolutionären Anthropologie und Psychologie über "Darwin'sche Ästhetik" einfließen lassen. Insbesondere Eckart Voland und Karl Grammer bemühen sich in "Evolutionary Aesthetics" (Springer 2003), die Unterschiede zwischen Mann und Frau als Vorzüge der Geschlechter zu sehen. So geben sie eine evolutionäre Begründung für geschlechtsspezifische Merkmalsausprägungen und die entsprechenden Präferenzen hierfür: Es ist für den Bestand einer Population vorteilhaft, wenn die Geschmäcker – zum Beispiel – der Männer verschieden sind, weil dadurch die verschiedensten Frauentypen eine Fortpflanzungschance erhalten und so eine größere Variabilität innerhalb der Population zu Stande kommt.

Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen den Schönheitschirurgen in Anspruch nehmen, um einem Idealbild zu entsprechen, kommt dem Unterfangen, auch dem "nicht perfekten" Menschen volle Wertschätzung entgegenzubringen, heute besondere Bedeutung zu. Eine Darstellung evolutionsbiologischer Grundlagen und Mechanismen für diese Variabilität weiblicher Schönheit wäre dafür hilfreich gewesen, fehlt aber in der "Nackten Eva". Insgesamt ist das Buch amüsant, aber wenig lehrreich.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 6/2005

Partnerinhalte