»Die Natur ist kein Parteimitglied«: Erst die Physik, dann die Meinungsbildung
»Treibhauseffekt«, »Erderwärmung«, »Entropie«, »Energieverbrauch« – Begriffe wie diese prägen oft die Diskussionen über die Klimakrise, ohne dass ihre Bedeutung wirklich reflektiert würde; es scheint so, als verstünden sie sich von selbst. Dieses Buch setzt einen Schritt früher an: Die Physiker Harald Lesch und Axel Kleidon beginnen nicht bei Positionen und Programmen, sondern bei den physikalischen Hintergründen der diskutierten Phänomene. Die Autoren laden zu »einer kleinen Reise durch das Reich der Energie« ein, »von der Erde zur Sonne und wieder zurück zur Erde«. Auf diesem Weg entfalten sie die Klimakrise als physikalischen Zusammenhang.
Die Erde absorbiert Sonnenlicht, sie strahlt Wärme wieder ab, und aus der Balance zwischen diesen Prozessen ergibt sich ihre Temperatur. Daraus erklärt sich auch der Treibhauseffekt: »Die Moleküle der Treibhausgase in der Atmosphäre nehmen die von der Erdoberfläche abgestrahlte Energie auf und strahlen sie wieder zurück, was zu mehr Erwärmung führt.« Zusammenhänge wie diese werden in ruhigen Schritten entwickelt – es wird argumentiert und nicht agitiert.
Physikalische Grundlagen des Klimawandels
Ähnlich verfährt das Buch beim Thema Energieverbrauch. Energie kann, so der Erste Hauptsatz der Thermodynamik, nicht einfach verschwinden. Und doch wird sie verbraucht – nicht im Sinne ihrer Vernichtung, sondern in Form einer Entwertung. Energie geht, so die Autoren, in eine Form über, »mit der nichts Nützliches mehr gemacht werden kann«. Ebenso verständlich wird etwa auch das Konzept der Entropie erläutert.
Auf der Grundlage dieser physikalischen Begriffsarbeit wendet sich der Blick der Autoren dann auf die praktischen Implikationen der geschilderten Phänomene. Das Buch beschreibt häufigere und intensivere Extremereignisse, längere Dürren, stärkere Niederschläge, Überflutungen, Waldbrände und Hitzestress. Es bleibt dabei nahe an den Lebensbereichen, in denen diese Veränderungen besonders greifbar werden: Landwirtschaft, Tourismus, Versicherungswesen, Gesundheit. In Anlehnung an den Soziologen Ulrich Beck heißt es: »Ein Risiko ist eine Zukunft, die nicht eintreten soll.« Dieser Gedanke verbindet die physikalischen Gesetze mit ihrer gesellschaftlichen Relevanz.
Die Physik interessiert sich nicht für Mehrheiten
Bemerkenswert ist dabei die Art, in der das Buch Begriffe sortiert, die in der öffentlichen Debatte oft schon verbraucht scheinen. Es erklärt, bevor es folgert, und verweilt bei Grundlagen, wo anderswo schnell Positionen markiert werden. Entsprechend fällt der Ton des Texts aus: sachlich, geordnet und immer dem Anspruch folgend, Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen.
So erklärt sich am Ende auch der Titel »Die Natur ist kein Parteimitglied« – denn die Vorgänge, von denen hier die Rede ist, lassen sich keinem politischen Lager zuordnen. Sie folgen keiner Taktik, interessieren sich nicht für Mehrheiten und verweigern sich jeder weltanschaulichen Zugehörigkeit, sondern gehorchen schlicht physikalischen Gesetzen. Das Buch macht aus dieser Einsicht keine Parole, sondern seinen Ausgangspunkt. Ein fruchtbarer Ansatz.
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