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Unterschätzte Senioren

Beim Gedanken an das Älterwerden dominieren oft Ängste und Negativbilder: Krankheit, Gebrechlichkeit, Einsamkeit, Depression, Demenz. Daher gehört die Beschäftigung mit dem "Lebensabend" für viele nicht zu den angenehmsten Dingen. Hans-Werner Wahl hingegen beschreibt mit positivem Grundtenor, wie die Neue Alternspsychologie (NAP) dank zahlreicher Studien inzwischen zu einem differenzierteren Bild des Alterns gelangt ist. Der Autor leitet die Abteilung für Psychologische Alternsforschung der Universität Heidelberg und möchte die Erkenntnisse seines Fachgebiets für alle zugänglich machen.

Inzwischen verbringen wir etwa ein Viertel des Lebens in der nachberuflichen Phase – ein wichtiger Grund, sich rechtzeitig auf diesen längsten, aber auch am stärksten ambivalenten Lebensabschnitt einzustellen und ihn sinnvoll zu gestalten. Die gute Nachricht: Wir leben nicht nur länger, sondern bleiben auch länger fit. Heute 65-Jährige sind genauso gesund und rüstig wie 55-Jährige vor 20 Jahren.

Keine Pauschalisierungen

Die NAP sei "kein Freund des chronologischen Alterns", erklärt Wahl, sondern stelle stattdessen das subjektive Alter in den Vordergrund. Zu ihren neun wichtigsten Prinzipien gehört es, auf individuelle Unterschiede einzugehen und den alternden Menschen in seinem Kontext zu sehen. Zudem unterscheidet sie zwischen normalem, krankhaftem und erfolgreichem Altern – letzteres gelingt momentan nur etwa einem Fünftel der über 65-Jährigen. Der Autor hält diese Zahl mit den richtigen Strategien jedoch für ausbaufähig.

Dafür sei zum einen ein neues Konzept von Gesundheit im Alter nötig. Der Wissenschaftler fordert von Medien und Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit für das natürliche Altern jenseits von Krankheit, das uns alle betrifft. Denn negative Altersstereotype haben nachweislich eine schädliche Wirkung auf die Lebensqualität aller – sowohl auf das Selbstvertrauen und die Motivation der Älteren als auch auf die Alternswahrnehmung der Jüngeren.

Eine positive Sichtweise könne dagegen die Lebenszufriedenheit erhöhen, selbst wenn die Gesundheit nachlässt und die persönlichen Optionen schwinden. So können Ältere oft keine Fernreisen mehr unternehmen, entdecken dafür jedoch ihr näheres Umfeld neu. Oder sie pflegen weniger, aber dafür aber intensivere Beziehungen zu ihren Mitmenschen.

Nützliche Technik

Der Autor hofft, dass "Gero-Technologien" ältere Menschen in Zukunft immer besser unterstützen können, beispielsweise in Form von Smart Homes, die bei eigenständiger Lebensführung helfen. Das Internet, WhatsApp und Fortschritte in der Robotik hätten den Alltag und die Pflege bereits verändert, doch "Technik und Alter werden eine neue Liaison eingehen", prophezeit Wahl.

Das in optimistischem Ton geschriebene Buch ist nicht nur für Ältere lohnenswert. Gelegentliche Wiederholungen sind verzeihlich, dafür liefert der Autor viele Beispiele und hilfreiche tabellarische Zusammenfassungen. Zudem bindet er Erkenntnisse aus seiner eigenen Forschung überzeugend ein. Insgesamt zeigt das Buch die vielschichtigen und manchmal widersprüchlichen Facetten des Alterns auf. Eine Kernbotschaft des Autors lautet: Alle Lebensphasen sind gleich wertvoll und bringen jeweils eigene Gewinne und Verluste mit sich. Für ein erfolgreiches Altern gilt es also, die Verluste möglichst gut zu kompensieren und die Gewinne schätzen zu lernen.

1/2018 (April/Mai)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 1/2018 (April/Mai)

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