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Eine eigene Welt

Dieses stimmungsvolle Porträt des bekannten Meers erzählt von Menschen, Orten und Mythen.

Die Eigenheiten der Nordsee-Welt macht der Autor Tom Blass begreifbar, indem er zeigt, dass sie aus mehr besteht als aus salziger Luft, gelbbraunen Meereswellen, überfüllten Küstenorten, kaltem Wasser und Bohrplattformen. Der studierte Anthropologe und politische Geograf arbeitet als Journalist und ist mit einem Fischtrawler übers Meer gefahren; er hat über Jahre hinweg Orte von der Themsemündung bis nach Göteborg, von Amrum bis nach Ostende besucht und das in diesem Buch verarbeitet.

Auf seinen Reisen fand der Autor oft Überbleibsel der Weltkriege, etwa große Betonscheiben von alten Flakplattformen in England. Denn die Geschichte der Nordsee ist durchzogen von kriegerischen Auseinandersetzungen unter Nachbarn. Allerdings auch von grenzüberschreitender Zusammenarbeit: So kämpften England und die Niederlande früher gegeneinander, doch das Marschland an der Themse legte ein niederländischer Ingenieur mit eigenen Deicharbeitern trocken – die sich anschließend dort ansiedeln. Ein schönes Beispiel für friedlichen Austausch gibt Blass mit dem Briefwechsel einer norwegischen Reparaturwerft aus dem 17. Jahrhundert. Dieser ist geprägt von einem wilden Gemisch aus Wortbrocken mehrerer Nordsee-Anrainer-Sprachen – ein Zeugnis des gemeinsamen Raums der Nordseewelt.

Vor allem erzählt Blass die Geschichten von Menschen, die heute an der Nordsee leben. Dabei stehen Gespräche mit Einheimischen, Fischern, Bürgermeistern, Rettungsstellenleitern, Forscherinnen und Schriftstellern im Vordergrund. Diese vermischt der Autor mit lokalen Mythen und Anekdoten.

Fantasieloses Fischgericht

In 15 Kapiteln nimmt der Autor sich ausgewählte Aspekte des großen Themas Nordsee vor. Unter anderem geht er auf das Leben im Marschland ein, den Ursprung des Meeres, das Geschäft mit dem Fisch, die Halligen oder auf den Umstand, wie Helgoland von England zu Deutschland kam. Manchmal scheint es auch so, als wolle er Orte kulinarisch charakterisieren. Beispielsweise beschreibt er, wie er im belgischen Ostende »einen in Butter und Sahne gebratenen Fisch [aß] – kalorienreich und sättigend, aber fantasielos«. Und er zitiert einen spanischen Botschafter, der an der Nordsee eine Region vorfindet, in der »weder Thymian noch Lavendel, Feigen, Oliven, Melonen oder Mandeln gedeihen; wo Petersilie, Zwiebeln und Salat weder saftig noch schmackhaft sind. Und Gerichte mit Butter von Kühen anstelle von Öl zubereitet werden«.

Ein Buchkapitel beschäftigt sich mit Seebädern, die nicht ohne Grund so beliebt waren und sind, denn das raue Meer ist Balsam für die Seele. Blass beschreibt beispielsweise, wie die Insel Borkum zu einem Rückzugsgebiet wurde, das seinen Besuchern half, die Schrecken des Ersten Weltkriegs zu vergessen. Und vor dem Hintergrund des Brexit-Chaos erscheint es amüsant, wie der Autor berichtet, britische Forscher(innen) hätten sich lange gegen die Erkenntnis gewehrt, dass die Britischen Inseln und (Festland-)Europa einmal eine zusammenhängende Landmasse bildeten.

Das Buch lebt von poetischer und stimmungsvoller Sprache; so schreibt Blass über einen Badeort bei Whitby an der nordenglischen Küste: »Der Strand ist hart, kalt und klamm wie frischer Zement; […] das Meer hebt die Fäuste und knurrt einen Spaniel an«; später »schmirgelt im Orkan [ihm] der Wind mit messerscharfem Sandstrahl die Waden«. An einer anderen Stelle »gießen Schattierungen in Amethyst, Bernstein und Violett die Meereswellen in nasse Bronzetöne«. Und bei einer Überfahrt nach Helgoland, »schmiegte sich ein feinperliger Nebel wie ein liebeskrankes Gespinst an den Bug der Fähre«.

Das Buch lädt zur langsamen Lektüre ein; rasches Lesen wäre ihm nicht angemessen. Denn Blass hat nicht nur ein facettenreiches Porträt der Nordsee erstellt, sondern macht sie auch sprachlich wunderbar gelungen erlebbar.

20/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2019

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