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Das fröhliche Schlucken

"Im Jahr 2010 konsumierten 87 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen die Pille." Das allein sei nicht das Problem, so die Fernsehjournalistin Katrin Wegner. Doch die jungen Frauen täten das aus den falschen Gründen. Viele wüssten nicht einmal, dass das Medikament zur Verhütung taugt, sondern konsumierten es, um eine ebenmäßigere Haut und schönere Haare zu bekommen, um abzunehmen und die Brüste zu vergrößern. Also, um besser auszusehen – und sich wohler zu fühlen.

Wegner kritisiert diese Orientierung an Äußerlichkeiten. "Mit ihren verschönernden Nebenwirkungen lockt [die Pille] besonders junge Frauen und liegt im Trend der Zeit, in der das richtige Styling, eine gute Figur und ein strahlender Teint Erfolg versprechen." So nötige das Mittel jungen Mädchen ein Klischee ihrer selbst auf.

Dazu tragen Pharmaunternehmen wesentlich bei. Sie bemühen sich darum, den Erstkonsumenten ihr jeweiliges Produkt zu verkaufen. Denn meist bleiben diese dann dem jeweiligen Präparat treu. Hierfür dienen Verpackungen und Markennamen, die für junge Mädchen attraktiv sind und den Eindruck erwecken, es handele sich gar nicht um ein Medikament.

Schicksalsergebene Eltern

Häufig fördern auch die Eltern diesen massenhaften Konsum, schreibt Wegner. Während Frauen in den 1960er Jahren noch größte Schwierigkeiten hatten, unverheiratet an die Pille zu kommen, entwickelte die Generation der 1970er Jahre durchaus schon ein kritisches Bewusstsein gegenüber der Arznei und erkannte die damit verbundenen Abhängigkeiten und Risiken. Feministisch geprägt, lehnte diese Generation die Betonung äußerlicher Attribute zumeist ab und versuchte auch, ihre Töchter entsprechend zu beeinflussen. Auf der anderen Seite unterstützte sie den frühen Pillenkonsum aus Angst vor Schwangerschaften, ein Motiv, das heutige Eltern genauso umtreibt. Kritik daran, dass der Nachwuchs sich an Äußerlichkeiten orientiert, sei inzwischen allerdings deutlich verhaltender als noch in den 1970ern, beklagt die Autorin.

Heute nähmen etliche Frauen die Pille primär als Lifestyle-Droge, bemerkt Wegner. "Die Pille ist multifunktional geworden: Sie dient als Verhütungsmittel und zugleich als Kosmetikum." Dazu passe, dass sich junge Leute heute viel stärker um ihre beruflichen Perspektiven sorgen. Beides lasse sich als Einklinken in den ökonomisierten Zeitgeist deuten.

Darin erschöpft sich Wegners Kulturkritik denn auch. Sie geht die Geschichte der medikamentösen Verhütung von 1961 bis heute durch, unterscheidet diverse Pillen- und Frauengenerationen. Dabei beschränkt sie sich weitgehend auf Deutschland, obwohl sie eigentlich genug Raum gehabt hätte, den Blick auf andere Länder zu werfen – hätte sie nur die zahllosen Wiederholungen im Buch reduziert. Ob in den 1960er oder 1970er Jahren, bei der "Spaßgeneration" der 1980er und 1990er oder den "Egozentrikern" des 21. Jahrhunderts: Trotz aller Unterschiede traten und treten etliche der beschriebenen Probleme immer wieder in ähnlicher Form auf.

Verfallende Werte

So bleibt das Werk trotz kulturhistorischer Ansätze oberflächlich. Beispielsweise vermisst man Bezüge auf das sehr fundierte Buch von Sybille Steinbacher "Wie der Sex nach Deutschland kam" (2011). Weiterhin ordnet Wegner den Begriff "Schmutz und Schund" in die 1950er Jahre ein, obgleich er als juristischer Fachterminus aus dem späten Kaiserreich stammt. Zudem blieb, anders als es die Autorin skizziert, die konservativ-katholische Restauration der Nachkriegszeit erfolglos, wie unter anderem Steinbacher plausibel belegt hatte. Und die Enzyklika "Humanae Vitae" stammt von Papst Paul VI., nicht von Paul IV.

Insgesamt reiht sich Wegner in den Chor derjenigen ein, die über den Werteverfall klagen, besonders wenn sie feststellt: "Mit unseren eigenen, wahren Bedürfnissen und der eigenen Körperlichkeit können wir heute nur noch wenig anfangen." Was wahre Bedürfnisse sind oder "der respektvolle, selbstbestimmte Umgang mit sich und dem eigenen Körper", das setzt sie als gegeben voraus, obwohl das alles andere als selbsterklärende Begriffe sind.

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