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Von Ziffern verzaubert

Der 35-jährige Brite Daniel Tammet beherrscht zehn Sprachen, darunter Finnisch, Litauisch, Rumänisch, Walisisch – und Isländisch, das er innerhalb einer einzigen Woche gelernt hat. Zudem kann er anspruchsvollste Rechenaufgaben in halsbrecherischem Tempo lösen. Vor zehn Jahren stellte er einen neuen Europa-Rekord auf, als er es schaffte, die Kreiszahl π bis auf 22 514 Stellen hinter dem Komma korrekt wiederzugeben. Meist sieht Tammet das Ergebnis von Mathematikaufgaben sofort vor sich, weil sein Gehirn Zahlen mit Farben, Figuren und Emotionen verknüpft. "Synästhesie" nennt man diese Kopplung verschiedener Sinne im Gehirn.

Jeden Morgen Haferbrei

Auf der anderen Seite hat Tammet hat bereits Mühe damit, rechts und links voneinander zu unterscheiden. Es fällt ihm schwer, die Gefühle anderer Menschen nachzuvollziehen und ihre Mimik und Gestik zu deuten. Auch läuft er ständig Gefahr, von Reizen überflutet zu werden. Um sich dagegen zu schützen, hat er seinen Alltag strengen Ritualen unterworfen. Jeden Morgen nimmt er exakt 45 Gramm Porridge (Grütze) zu sich, trinkt Tag für Tag genau zur gleichen Zeit Tee und verlässt seine Wohnung erst, wenn er alle Kleidungsstücke gezählt hat, die er trägt. Der Brite hat das Asperger-Syndrom, eine Entwicklungsstörung innerhalb des Autismus-Spektrums, die bei ihm mit einer Inselbegabung zusammenfällt.

In diesem Buch lässt Tammet die Leser an seiner Gedankenwelt teilhaben. Insbesondere schreibt er über sein Verhältnis zu Primzahlen. Er schildert, dass seine ungewöhnliche Fähigkeiten nicht von Geburt an vorhanden gewesen seien, sondern sich erst im Alter von drei Jahren nach einem schweren epileptischen Anfall entwickelt hätten. Heute führe er ein weitgehend eigenständiges Leben. Nach jahrelangem mühsamen Lernen könne er sich im gesellschaftlichen Leben einigermaßen zurechtfinden.

In Ziffernkolonnen schwelgen

Ein "normaler" Mensch kann sich wohl kaum etwas Öderes vorstellen als die exzessive Beschäftigung mit der Zahl π. Doch Tammet empfindet sehr viel dabei, wie er in seinem Buch anschaulich beschreibt. Die unendliche chaotische Ziffernfolge der Nachkommastellen löse eine große Faszination in ihm aus. Wenn man nur lange genug suche, könne man in ihr nahezu jede Ziffernkombination finden – beispielsweise eine Serie von 100 Fünfern oder 1000 Wiederholungen der Abfolge Null und Eins. Besonders große Überraschungen warteten, wenn man die Ziffernfolge auf Japanisch wiedergebe. Denn in dieser Sprache klängen bestimmte Zahlenkombinationen ähnlich wie Wörter oder Sätze. Die ersten neun Ziffern von Pi beispielsweise würden sich anhören wie "Ein Geburtshelfer reist ins Ausland".

Tammet schildert ferner sein Verhältnis zu speziellen Gedichtformen wie die Sestine und das Haiku, die von Primzahlen bestimmt werden. Er befasst sich ausgiebig mit dem Phänomen Unendlichkeit und kommt dabei auf den italienischen Dichter, Philosophen und Astronomen Giordano Bruno (1548-1600) zu sprechen, der die Existenz unendlich vieler Lebewesen auf anderen Planeten postulierte und auch von unendlich vielen Sündenfällen und Jesus-Gestalten ausging. An anderer Stelle erklärt der Autor, was Leo Tolstois Monumentalroman "Krieg und Frieden" mit der Infinitesimalrechnung zu tun hat und welcher Tricks sich angebliche Gedankenleser bedienen. Auch die Gedankenwelt des Religionsstifters Mohammed (570-632), des Philosophen Pythagoras (570-510 v.Chr.) und des Mathematikers Georg Cantor (1845-1918) meint Tammet durchleuchten zu können.

Die seltsame Welt eines Inselbegabten

Das Buch besteht aus zwei Dutzend lose miteinander verbundenen Kapiteln. Einige davon sind ziemlich eigenwillig und rätselhaft, andere ermüden durch langatmige Exkursionen in die Geistesgeschichte. Doch wenn Tammet auf sein eigentümliches Verhältnis zu Zahlen eingeht und Beziehungen zwischen Alltagsphänomenen und Mathematik analysiert, ist das hochinteressant und oft verblüffend. Ein Buch, das ungewöhnliche Perspektiven vermittelt und einem in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet.

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