Buchkritik zu »Die raffinierten Sexpraktiken der Tiere«
Die sexuellen Qualen der Pubertät und späterer Lebensabschnitte und die Enttabuisierung der Sexualität haben in den vergangenen Jahrzehnten einer Berufsgruppe eine vortreffliche Konjunktur verschafft – den "Sexperten" in den Medien. Die pädagogisch verbrämte Darstellung des unerschöpflichen Themas im Fernsehen und in Zeitschriften erregt und befriedigt auch unsere voyeuristischen Tendenzen.
Die Probleme des Menschen verblassen jedoch völlig gegenüber der schockierenden Libertinage im Tierreich mit hemmungsloser Promiskuität, Inzest oder gar der Tötung des Partners während der Kopulation. Da ist es nur konsequent, wenn eine gewisse Dr. Tatiana in Großbritannien sich Tieren aller Klassen und Ordnungen als Ratgeberin in Fragen der Sexualität anbietet. Die furchtlose Briefkastentante schreckt vor keinem Problem zurück und verbindet in ihren Antworten Rat mit ausführlichen und lehrreichen biologischen Exkursen. Der vorliegende Band versammelt ihre ergötzlichen Kolumnen; die tierischen Sexualpraktiken wie im deutschen Titel als "raffiniert" zu bezeichnen, wirkt angesichts des teils deftigen Inhalts eher abwegig.
Dr. Tatiana geht nach einem recht einheitlichen, aber nie langweilig werdenden Muster vor. So entgegnet sie einer besorgten Nagel-Manati-Mutter – einer karibischen Seekuh –, deren ganzer Stolz, ihr prächtiger Sohn, ständig mit anderen Männchen knutscht, kurz und forsch: Sie solle homosexuelle Handlungen ihres Sohnes tolerieren und ihn nicht zu einer Änderung zwingen. Es folgt ein mehrseitiger Exkurs über – allerdings nicht völlig zufrieden stellende – evolu-tionsbiologische Erklärungsversuche homosexuellen Verhaltens.
Hinter der Ratgeberin verbirgt sich die junge Biologin Olivia Judson, Schülerin des einflussreichen Evolutionsbiologen William Hamilton und ehemalige Wissenschaftsredakteurin des angesehenen Magazins "The Economist", in dem Dr. Tatiana vor einigen Jahren zum ersten Mal auftreten durfte. Judson beweist in ihren Darlegungen höchste Sachkompetenz und repräsentiert zugleich die besten Traditionen eines unterhaltsamen britischen Qualitätsjournalismus. Ihr Buch ist weit davon entfernt, nur billigen und oberflächlichen Wissenschafts-Pop anzubieten: Die mehr als 40 Seiten detaillierter Anmerkungen und das umfangreiche und aktuelle Literaturverzeichnis sind eines fortgeschrittenen Lehrbuchs würdig. Jedem, der auf unkonventionelle und amüsante Weise in die Geheimnisse und Herausforderungen der Verhaltens- und Evolutionsökologie eingeführt werden möchte, sei dieses Buch wärmstens anempfohlen.
Olivia Judson bietet eine hervorragende Einführung in eine Sichtweise, die als "Konflikttheorie" der Sexualität bezeichnet werden kann. Die geschlechtliche Fortpflanzung ist nämlich nur auf einen ersten, oberflächlichen Blick ein Modell der Gegenseitigkeit und Kooperation. Die beiden Geschlechter arbeiten zusammen, weil beide jeweils die Hälfte ihrer Gene durch den gemeinsamen Nachwuchs weiterverbreiten – aber damit hat die Einigkeit schon ein Ende. Die Partnerwahl, die Anzahl der Partner, die Dauer und Zahl der Kopulationen oder der Aufwand bei der elterlichen Pflege sind Punkte, bei denen ernsthafte Uneinigkeit zwischen den Geschlechtern bestehen kann. Nur bei einer treuen, lebenslangen Monogamie sind die Fortpflanzungsinteressen von Männchen und Weibchen identisch. Dieses Paarungssystem ist allerdings nur selten im Tierreich aufzufinden.
Die klassischen, aus den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden Theorien der Soziobiologie behaupteten, dass Weibchen kein Interesse an mehr als einem Partner pro Brutsaison haben sollten. Judson alias Dr. Tatiana profitiert von einer Revision dieses Bildes, die in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat. Auch Weibchen dürfen promiskuitiv sein, sie können bei verschiedenen Partnern nach guten Genen "shoppen", auf unterschiedlichste Weise für Konflikte sorgen, indem sie die Konkurrenz zwischen Männchen anstacheln und ausnutzen, und zu unterschiedlichsten Lösungswegen beitragen. Eine anschaulichere Einführung in dieses aktuelle Forschungsgebiet als in Judsons Buch dürfte kaum zu finden sein.
Vermögen aber auch menschliche Briefkastenonkel und -tanten von Dr. Tatiana etwas für ihre tägliche Praxis zu lernen? Wohl kaum. Beim Menschen – und wohl auch bei anderen Primatenarten – hat das Sexualverhalten komplexe soziale und symbolische Funktionen übernommen und ist nicht mehr zwangsläufig eng an die Fortpflanzung gekoppelt. Zu den zutiefst menschlichen, manchmal romantischen, manchmal tragischen Geschehnissen um Liebe und Sex hat die Evolutionsbiologie daher meist nur wenig Hilfreiches zu sagen. Die den Menschen dienenden Sexperten müssen weiterhin auf ihre soziale, kulturelle und psychologische Erfahrung zurückgreifen.
Die Probleme des Menschen verblassen jedoch völlig gegenüber der schockierenden Libertinage im Tierreich mit hemmungsloser Promiskuität, Inzest oder gar der Tötung des Partners während der Kopulation. Da ist es nur konsequent, wenn eine gewisse Dr. Tatiana in Großbritannien sich Tieren aller Klassen und Ordnungen als Ratgeberin in Fragen der Sexualität anbietet. Die furchtlose Briefkastentante schreckt vor keinem Problem zurück und verbindet in ihren Antworten Rat mit ausführlichen und lehrreichen biologischen Exkursen. Der vorliegende Band versammelt ihre ergötzlichen Kolumnen; die tierischen Sexualpraktiken wie im deutschen Titel als "raffiniert" zu bezeichnen, wirkt angesichts des teils deftigen Inhalts eher abwegig.
Dr. Tatiana geht nach einem recht einheitlichen, aber nie langweilig werdenden Muster vor. So entgegnet sie einer besorgten Nagel-Manati-Mutter – einer karibischen Seekuh –, deren ganzer Stolz, ihr prächtiger Sohn, ständig mit anderen Männchen knutscht, kurz und forsch: Sie solle homosexuelle Handlungen ihres Sohnes tolerieren und ihn nicht zu einer Änderung zwingen. Es folgt ein mehrseitiger Exkurs über – allerdings nicht völlig zufrieden stellende – evolu-tionsbiologische Erklärungsversuche homosexuellen Verhaltens.
Hinter der Ratgeberin verbirgt sich die junge Biologin Olivia Judson, Schülerin des einflussreichen Evolutionsbiologen William Hamilton und ehemalige Wissenschaftsredakteurin des angesehenen Magazins "The Economist", in dem Dr. Tatiana vor einigen Jahren zum ersten Mal auftreten durfte. Judson beweist in ihren Darlegungen höchste Sachkompetenz und repräsentiert zugleich die besten Traditionen eines unterhaltsamen britischen Qualitätsjournalismus. Ihr Buch ist weit davon entfernt, nur billigen und oberflächlichen Wissenschafts-Pop anzubieten: Die mehr als 40 Seiten detaillierter Anmerkungen und das umfangreiche und aktuelle Literaturverzeichnis sind eines fortgeschrittenen Lehrbuchs würdig. Jedem, der auf unkonventionelle und amüsante Weise in die Geheimnisse und Herausforderungen der Verhaltens- und Evolutionsökologie eingeführt werden möchte, sei dieses Buch wärmstens anempfohlen.
Olivia Judson bietet eine hervorragende Einführung in eine Sichtweise, die als "Konflikttheorie" der Sexualität bezeichnet werden kann. Die geschlechtliche Fortpflanzung ist nämlich nur auf einen ersten, oberflächlichen Blick ein Modell der Gegenseitigkeit und Kooperation. Die beiden Geschlechter arbeiten zusammen, weil beide jeweils die Hälfte ihrer Gene durch den gemeinsamen Nachwuchs weiterverbreiten – aber damit hat die Einigkeit schon ein Ende. Die Partnerwahl, die Anzahl der Partner, die Dauer und Zahl der Kopulationen oder der Aufwand bei der elterlichen Pflege sind Punkte, bei denen ernsthafte Uneinigkeit zwischen den Geschlechtern bestehen kann. Nur bei einer treuen, lebenslangen Monogamie sind die Fortpflanzungsinteressen von Männchen und Weibchen identisch. Dieses Paarungssystem ist allerdings nur selten im Tierreich aufzufinden.
Die klassischen, aus den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden Theorien der Soziobiologie behaupteten, dass Weibchen kein Interesse an mehr als einem Partner pro Brutsaison haben sollten. Judson alias Dr. Tatiana profitiert von einer Revision dieses Bildes, die in den letzten zehn Jahren stattgefunden hat. Auch Weibchen dürfen promiskuitiv sein, sie können bei verschiedenen Partnern nach guten Genen "shoppen", auf unterschiedlichste Weise für Konflikte sorgen, indem sie die Konkurrenz zwischen Männchen anstacheln und ausnutzen, und zu unterschiedlichsten Lösungswegen beitragen. Eine anschaulichere Einführung in dieses aktuelle Forschungsgebiet als in Judsons Buch dürfte kaum zu finden sein.
Vermögen aber auch menschliche Briefkastenonkel und -tanten von Dr. Tatiana etwas für ihre tägliche Praxis zu lernen? Wohl kaum. Beim Menschen – und wohl auch bei anderen Primatenarten – hat das Sexualverhalten komplexe soziale und symbolische Funktionen übernommen und ist nicht mehr zwangsläufig eng an die Fortpflanzung gekoppelt. Zu den zutiefst menschlichen, manchmal romantischen, manchmal tragischen Geschehnissen um Liebe und Sex hat die Evolutionsbiologie daher meist nur wenig Hilfreiches zu sagen. Die den Menschen dienenden Sexperten müssen weiterhin auf ihre soziale, kulturelle und psychologische Erfahrung zurückgreifen.
Schreiben Sie uns!
Beitrag schreiben