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Von Bestand war nur der Wandel

Die Wissenschaftsdisziplin der Archäogenetik belegt: Ohne Migration gäbe es uns nicht.

Als Steven Spielberg 1993 mit »Jurassic Park« die Saurier auf der Kinoleinwand auferstehen ließ, schien mit uraltem Genmaterial alles möglich. Eine wahre Welle von DNA-Sequenzierungen brach damals los, wie aus diesem Buch hervorgeht. Überschäumender Entdeckergeist ließ Wissenschaftler dabei häufig hanebüchene Studien veröffentlichen und manchmal sogar ihre eigene DNA analysieren, mit der sie die Proben aus Versehen verunreinigt hatten. Die »wilden Jahre« nennt Autor Johannes Krause diese Phase »überschießender Euphorie« der jungen Archäogenetik in den 1990er Jahren. Inzwischen habe die Disziplin »die Pubertät hinter sich gelassen« und erweitere die Möglichkeiten historischer Forschung um ein Vielfaches. Zeit also für eine erste Bestandsaufnahme.

Der Buchautor selbst hat großen Anteil an der rasanten Entwicklung des Forschungsgebietes, zählt Johannes Krause doch als Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena zu den wichtigsten Archäogenetik-Experten weltweit. Während seiner Dissertation Anfang der 2000er Jahre war er an der Entschlüsselung des Neandertaler-Genoms beteiligt; 2010 entdeckte er mit Kollegen anhand von Genanalysen eine neue Urmenschenform – den Denisovaner. Krause verbindet in seinem Werk glaubwürdig die Geschichte der Archäogenetik mit seinem eigenen Werdegang. Gleichzeitig beantwortet er grundsätzliche Fragen zu Methodik und Inhalt: Was kann die Archäogenetik leisten? Welches Erbmaterial nutzen die Wissenschaftler? Was ist heute schon mit wenigen Milligramm Knochen möglich, und woher stammen die Fossilien?

Verdrängung und Vermischung

Der Hauptteil des Werkes umreißt eine lebendige Ur- und Frühgeschichte des Menschen, wie sie aus den Ergebnissen moderner Genanalysen ablesbar ist. Hier zeigt sich eindrucksvoll das Potenzial der Archäogenetik. Eines hebt der Autor dabei deutlich hervor: Ohne Migration wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er heute ist.

Drei große Wanderbewegungen stellt er dabei in den Fokus, die sich noch immer in der DNA der Europäer ablesen lassen. So breitete sich von Afrika kommend der Homo sapiens vor etwa 40.000 Jahren nach Europa und Asien aus und verdrängte andere Menschenformen, etwa den Neandertaler – wobei er sich allerdings gelegentlich mit diesem fortpflanzte, weshalb wir Neandertaler-Spuren noch heute in unserem Erbgut tragen. Jäger und Sammler streiften dann über den Kontinent, bis vor etwa 8000 Jahren Einwanderer aus Anatolien den Ackerbau in unsere Breiten brachten. Es folgte eine Phase, in der Großfamilien die Jäger verdrängten, beide aber auch nebeneinander her lebten und sich vermischten. Übrigens hatten die Alteingesessenen eine weitaus dunklere Haut als die Neuankömmlinge. »Die Antwort liegt im Speiseplan der nahöstlichen Ackerbauern, die ihren Fleischkonsum drastisch reduzierten, wie Isotopenanalysen ihrer Knochen zeigen. Im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern nahmen sie kaum Vitamin D über Fisch oder Fleisch zu sich, sondern ernährten sich fast durchweg vegetarisch, ergänzt durch Milchprodukte«, erklärt Krause. Dank ihrer helleren Haut konnten sie das lebenswichtige Vitamin D, das in der Nahrung fehlte, in ihrem eigenen Körper bilden – vermittelt durch das Sonnenlicht.

Eine dritte große Wanderbewegung setzte vor etwa 5000 Jahren ein. Vertreter der Jamnaja-Kultur aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres gelangten in großer Zahl nach Europa – und mit ihnen das Rad, Innovationen in der Viehzucht sowie die Bronzeverarbeitung. Die Jamnaja-Menschen verdrängten etwa 80 Prozent der lokalen Bevölkerung. Möglicherweise »halfen« dabei Pestepidemien, die den Einwanderern vorausgeeilt waren. Die Ausbreitung von Krankheiten – von der Frühgeschichte bis zur Neuzeit – ist überhaupt ein wichtiges Forschungsfeld der Archäogenetik. Denn die Wissenschaftler nehmen auch alte Keime unter die Lupe und gewinnen wertvolle Informationen darüber, wie sich Seuchen in Zukunft bekämpfen lassen: »Indem wir durch den Vergleich alter und moderner Erreger verstehen, wie diese sich in den zurückliegenden Jahren und Jahrhunderten evolutionär entwickelten und was die DNA der Menschen dem entgegensetzte, helfen wir der Medizin, auch künftig im Wettrüsten mithalten zu können.«

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in dem Buch äußerst zugänglich und unterhaltsam aufbereitet und durch Infokästen und Karten ergänzt. Großen Anteil daran hat Co-Autor und Journalist Thomas Trappe, der zudem die migrationsbezogenen Erkenntnisse in aktuelle gesellschaftliche Debatten einordnet. Wohltuend unaufgeregt räumen Wissenschaftler und Journalist auf mit dem Mythos europäischer »Urvölker«, die von einfallenden Horden aus dem Paradies vertrieben worden seien. Die heute auf dem Kontinent lebenden Menschen seien vielmehr »das Produkt einer Jahrtausende zurückreichenden Mobilität, in der es stetig Austausch, Verdrängung, Kämpfe und sicher auch jede Menge Leid gab. Es gibt aber keinen Grund, die heutigen Europäer als Nachfahren der Opfer dieser Umbrüche zu betrachten«, fassen die Autoren zusammen. In unserem Erbmaterial ließen sich »bis heute Spuren von Einwanderung, Verdrängung und Kooperation« ablesen, doch trügen wir keine Gene in uns, die uns als Angehörige einer bestimmten Volksgruppe oder gar einer Nation auswiesen.

15/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15/2019

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