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Plädoyer für das Tierwohl

Die langjährige Landestierschutzbeauftragte Cornelie Jäger plädiert für landwirtschaftliche Viehzucht – allerdings für eine deutlich tierfreundlichere.

Landwirte, Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie kritische Verbraucher prangern seit Jahrzehnten die konventionelle Nutztierhaltung an. Bestürzende Bilder aus Stätten der Massentierhaltung sorgen immer wieder für berechtigte Empörung. Der enorm gewachsene Verzehr von Eiern, Milch und Fleisch in den entwickelten Ländern, die Ausbreitung von Tierfutter-Plantagen in den ärmeren Ländern auf Kosten der dortigen Bevölkerung und Umwelt sowie das Tierwohl stehen im Fokus dieses Buchs. Dessen Autorin Cornelie Jäger, frühere Landesbeauftragte für den Tierschutz Baden-Württemberg, befasst sich mit ethischen, umweltpolitischen und wirtschaftlichen Problemen, die mit der massenhaften Nutztierhaltung verbunden sind. Sie plädiert für landwirtschaftliche Viehzucht, aber deutlich stärker im Sinne des Tierwohls, als es derzeit der Fall ist, und unter veränderten wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für die Erzeuger.

Warum das Suppenhuhn im Titel? Am Beispiel der Legehennen in Deutschland macht die Autorin das Problem deutlich. Ein Legehuhn produziert in einer so genannten Legeperiode von rund einem Jahr mehr als 300 Eier, die eine Gesamtmasse von etwa 20 Kilogramm haben und damit das Zehnfache auf die Waage bringen wie der Vogel selbst. Dieser unglaubliche Stoffdurchsatz und die Haltungsbedingungen bleiben nicht ohne Folgen: Sie gehen auf Kosten der Knochensubstanz, führen bei zahllosen Tieren zu tödlichen Stoffwechselerkrankungen und Organkomplikationen ebenso wie zu stressbedingten Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus. Und was erbringt die »ausgediente« Legehenne beim Schlachter? 19 Cent pro Tier und weniger. Als Suppenhuhn wird sie uns im Handel zwischen drei und vier Euro offeriert.

Jäger beleuchtet aus historischer Perspektive sowohl den agrarischen Strukturwandel in Deutschland als auch die Veränderungen in der Tier-Mensch-Beziehung. Um belastbare Lösungsvorschläge zu finden und um tragfähige Zukunftsszenarien für landwirtschaftliche Tierhaltung zu entwickeln, plädiert sie eingangs dafür, tiergerechte Haltung und Umweltverträglichkeit, Ethik, Wirtschaftlichkeit und Technik gemeinsam zu betrachten. Sie thematisiert die Versorgung von Menschen und Tieren, die Folgen unterschiedlicher Haltungsbedingungen auf die Tiere, die Wechselbeziehungen mit der Umwelt und das Klima. Auch mit dem Einfluss von Konsumenten und Handel befasst sie sich.

Mehr Grund- und weniger Leistungsfutter

Die Autorin fordert den Ausbau einer multifunktionalen Tierhaltung und eine Entlastung der Stoffkreisläufe. Darunter versteht sie unter anderem einen zügig umzusetzenden, weit gehenden Verzicht auf synthetische Stickstoffdünger, das Einbeziehen von Leguminosen in die Fruchtfolge und die Einsaat von Klee-Gras-Gemengen als Weidegrundlage. Jäger schlägt vor, Pflanzenreste in Biogasanlagen zu verstromen und die organische Bodensubstanz mit einer Kombination aus Gülle und Biokohle aus Agroforstprojekten zu verbessern – auch, um die CO2-Speicherkapazität des Bodens zu erhöhen. Sie plädiert gegen Importfuttermittel, etwa Soja aus Übersee, und für eine stärker grundfutterbetonte Mast, das heißt für einen geringeren Anteil leistungssteigernden Futters. Im Hinblick auf die Rinderhaltung spricht sie sich für Zweinutzungsrassen aus (Tiere, die Milch und Fleisch liefern). Die Tierbestände seien so umzuorganisieren, dass nicht mehr als maximal 1,6 Großvieheinheiten pro Hektar gehalten werden. Es seien ferner Prioritäten bei der Flächennutzung festzulegen. Eine extensive Flächenbewirtschaftung und das Wiedervernässen agrarisch genutzter Moore seien anzustreben.

Um all das durchzusetzen, empfiehlt Jäger die Einführung eines »Bonuspunktesystems für Multifunktionalität«. Darunter versteht sie Belohnungspunkte etwa dafür, den Boden durch Eintrag von Festmist oder Leguminosenaussaat zu verbessern; Weide- und Grünlandnutzung zu extensivieren; die Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier zu entschärfen (weniger als die Hälfte der weltweiten Getreideproduktion dient der menschlichen Ernährung); Ackerflächen in Grünland (rück-)umzuwandeln; Moorböden wiederzuvernässen; organische Düngemittel einzusetzen; auf Importfuttermittel zu verzichten; die Zahl der Tiere pro Flächeneinheit zu begrenzen und vieles mehr. Dieses Punktesystem solle von spezifischen Regeln und Abgaben ergänzt werden, etwa für einen Stickstoffüberschuss.

Die Tierhaltung solle, so die Autorin, fürsorglicher und tiergerechter werden. Beispielsweise, indem die Umgebung an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werde, und nicht umgekehrt. Hier verweist Jäger auf die Selbstauflagen der Brancheninitiative »Tierwohl«, eine von Produzenten und Discountern gestartete, freilich nicht unumstrittene Initiative. All dies setze eine tierwohlorientierte Haltung der Konsumenten sowie eine problemorientierte EU-weite Wirtschaftspolitik voraus.

Das lesenswerte Buch hätte noch deutlich gewonnen, hätten Verlag und Autorin nicht auf Abbildungen, zusammenfassende Infoboxen und grafische Gliederungshilfen verzichtet. Auch macht es sich die Autorin in Bereichen wie Tier- und Weidemanagement, landwirtschaftliche Bodenkunde und Pflanzenproduktion, Hydrologie und Landschaftsökologie manchmal zu einfach. Wie soll etwa eine Begrenzung der Anzahl von Weidetieren pro Hektar gelingen, wenn seit Jahren schon keine Flächenbindung (Kopplung von Fläche und Tieranzahl) mehr existiert und politisch auch nicht gewollt ist? Zudem stören Redundanzen zwischen den einzelnen Kapiteln, etwa in den häufig wiederkehrenden Plädoyers.

Ein umfangreiches Literatur-, Abkürzungs- und Stichwortverzeichnis, zahlreiche Endnoten sowie Rechtstexte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschließen das Werk, das die Komplexität des Themas zwar nicht auflöst, aber wichtige Gesichtspunkte herausarbeitet und seriöse Informationen liefert.

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