»Die schöpferische Kraft der Blumen«: Eine blühende Revolution
Blumen in all ihren Facetten gehören wohl zu den schönsten »Erfindungen« der Evolution. Der Strauß Blumen auf dem Tisch, die Blumen im Garten, das Parfum im Geschäft – Blumen gehören einfach zu unserem Alltag. Dennoch denken wir kaum je darüber nach, warum sie aussehen, wie sie aussehen, wie das mit den Bienchen und den Blümchen eigentlich genau funktioniert oder warum es Blumen in so vielen verschiedenen Formen und Farben gibt.
David George Haskell, Professor für Biologie und Umweltwissenschaften an der University of the South in Sewanee, Tennessee, geht diesen und vielen anderen Fragen aus der Blumenwelt auf den Grund. Haskell beschreibt – und dies ist der rote Faden seines Buchs –, wie Blumen sich entwickelt, wie sie unsere Welt mitgestaltet und dadurch auch die Evolution des Menschen maßgeblich beeinflusst haben. Dabei erfahren wir unter anderem auch, wie Blumen Regenwälder und Graslandschaften formen und zur Artenvielfalt von Insekten beitragen.
Mit Blumen auf Reisen
In neun Kapiteln führt uns der Autor durch die Welt der Blumen und deren Evolution. Den Ausgangspunkt bildet dabei jeweils eine bestimmte Pflanze. So erklärt Haskell anhand von Orchideen die Koevolution von Blumen und Bestäubern oder zeigt, wie wichtig Gräser – diese eher unscheinbaren Blütenpflanzen und laut Haskell »Nonkonformisten unter den Blumen« – für die menschliche Entwicklung waren. Auch der Rose, die er als Repräsentantin für alle Duftpflanzen betrachtet, aus denen beispielsweise Parfums hergestellt werden, widmet er einen eigenen Abschnitt.
Jedes Kapitel beginnt mit einer zur jeweiligen Blume passenden persönlichen Geschichte. Haskell berichtet hier etwa von seiner Mitarbeit bei einem Freiwilligenprojekt, das Graslandschaften mithilfe von kontrollierten Bränden wieder herzustellen versuchte, oder von einem Ausflug mit seiner Schwester zu Seegraswiesen in Großbritannien. Er nimmt seine Leser mit ins »Internationale Parfümerie-Museum« und in dessen Gärten im südfranzösischen Grasse, zur »RHS Chelsea Flower Show« oder ins Londoner Archiv des schwedischen Naturforschers Carl von Linné, des Begründers der modernen Pflanzensystematik. In seine Geschichten flicht er en passant immer wieder spannendes Fachwissen ein, insbesondere zur Evolution der einzelnen Blumen. Die Texte sind unterhaltsam und leicht zugänglich, die Erklärungen klar und bildhaft, und die Kapitel bauen gut aufeinander auf.
Die Bedeutung der Blumen für uns Menschen
Haskells anspruchsvolles Ziel ist es, den Blütenpflanzen den Platz zurückzugeben, der ihnen seiner Ansicht nach in der Evolutionsgeschichte gebührt. Außerdem fordert er ein umfassendes »Recht auf Blumen« ein – denn Blumen werden heute meist nur als passendes Accessoire für das weibliche Geschlecht wahrgenommen, obwohl beispielsweise Blumendüfte früher häufig auch von männlichen Herrschern verwendet wurden.
Mit Blick auf die evolutionäre Bedeutung der Blumen zeigt der Autor zum Beispiel, dass sich unsere Vorfahren ohne Gräser nicht zum heutigen Menschen hätten entwickeln können, da unsere Grundnahrungsmittel (Getreide, Reis, Mais) alle Gräser sind. Zudem erläutert er, wie wichtig Beziehungen für evolutionäre Prozesse sind – etwa die zwischen Mensch, Gras und Feuer oder zwischen Blumen und Insekten. Und der Autor berichtet von Seegraswiesen, deren Rolle bei der Bindung von CO₂ oder der Gestaltung von Lebensräumen häufig unterschätzt werde.
Überzüchtung und Vergiftung
Haskell beleuchtet aber auch problematische Tendenzen. So seien Blütenpflanzen heute mitunter derart überzüchtet, dass sie zwar dem menschlichen Auge schön erscheinen, aber oft keinen Mehrwert mehr für Insekten haben, da den Pflanzen Pollen und Nektar fehlen oder sie durch Pflanzenschutzmittel geradezu vergiftet sind. Apropos: Durch menschliche Einflüsse würden, so Haskell, ganze Lebensräume vergiftet, und der Klimawandel beschleunige das Artensterben zusätzlich. Im letzten Kapitel widmet sich Haskell daher ausführlich den Zukunftsaussichten – denen der Blumen und unserer Welt insgesamt. Sein Plädoyer: Wir sollten von den Blütenpflanzen lernen und auf Kooperation statt auf Zerstörung setzen.
Eine besondere Ergänzung ist der Anhang, in dem Haskell verschiedene Ideen dafür vorstellt, wie man sich im Alltag mit Blumen beschäftigen und ihnen so (wieder) näherkommen kann. Hier regt er dazu an, Blumen zu pressen, zu destillieren oder sie im Garten zu beobachten, und leitet zum »Sex mit Orchideen« an, indem er zeigt, wie sich die Befruchtung der eigenen Orchidee auf der Fensterbank mithilfe von Zahnstochern erreichen lässt.
Kurzweilig und leicht verständlich geschrieben, eignet sich »Die schöpferische Kraft der Blumen« auch für biologische Laien und vermittelt ihnen, aber auch naturwissenschaftlich Vorgebildeten, interessante wissenschaftliche Erkenntnisse. So bietet das Buch einen wunderbaren Einstieg in die faszinierende Welt der Blumen für alle, die ihre Liebe zu den Blütenpflanzen entdecken oder weiter vertiefen möchten.
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