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Der schnelle Griff zur Pille

Lena Kornyeyeva ist der Ansicht, dass die Ärzte beim Behandeln psychisch Kranker zu bedenkenlos auf Medikamente setzen. Die Erkrankten müssten zuvorderst psychotherapeutisch betreut werden, meint die promovierte Psychologin, die eine Praxis für psychologische Beratung betreibt. Denn Psychopharmaka unterdrückten nur Symptome, lösten aber nicht die zugrunde liegenden Probleme: "Psychopharmaka bringen keine Heilung, und sie prägen genauso wenig wie illegale Drogen gute, glückliche Biographien."

Eingeschüchtert von der Autorität der Ärzte würden viele Patienten Tabletten nehmen, ohne zu wissen, was ihnen fehlt, und ohne über Alternativbehandlungen informiert worden zu sein. Unter anderem schildert die Autorin den Fall einer Patientin, die Medikamente verschrieben bekam, ohne dass man ihr das Diagnoseergebnis mitteilte. Auch würden Auffälligkeiten zu Erkrankungen erklärt, die doch eigentlich im Normbereich lägen: "Ein Bedürfnis oder ein Leiden, zu dem ein Psychopharmakum ([sic!]) passt, verspürt nahezu jeder Mensch." Das gelte vor allem für das ADHS-Syndrom. Unsere Gesellschaft lege ihr Augenmerk mehr und mehr auf die Leistungen der Schüler – und stemple Kinder als krank ab, die sich den Erwartungen nicht anpassten.

Schwaches empirisches Fundament

Konyeyeva spricht damit wichtige Probleme an, mit denen sie aufgrund ihres beruflichen Hintergrunds täglich in Berührung kommt. Doch vielfach drängt sich der Eindruck auf, dass sie – in Ermangelung von Faktenwissen – die dargestellten Befunde selbst hergeleitet hat. Auf den 255 Seiten des Buchs kommt sie mit überraschend wenigen Quellen aus. Sie bezieht sich größtenteils auf einzelne Patientenberichte, Schilderungen aus Internetforen und Sekundärliteratur zum Thema Psychopharmaka – insgesamt eine recht dünne Grundlage.

Oft erscheint ihre Kritik sehr pauschal. Von der Schelte des Gesundheitssystems kommt sie zur angeblich schädlichen Wirkung von Smartphones und Facebook und weiter zum "maßlosen Konsumverhalten", das sich in der Mitte der Gesellschaft durchgesetzt habe. Dabei schweift Kornyeyeva häufig vom Thema ab. Ihre ausnahmslos negative Bewertung neuer Medien erinnert an die Phobien des Psychiaters Manfred Spitzer. Das Buch ist daher eher Stimmungsbild der Autorin denn fundierte Gesellschaftsanalyse.

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