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Aus der Vogelperspektive

Der britische Ornithologe Tim Birkhead erklärt in diesem spannend geschriebenen Sachbuch, warum es aufschlussreich ist, Dinge aus der Vogelperspektive nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, zu schmecken oder zu riechen. Als Professor für Verhaltensforschung und Wissenschaftsgeschichte an der renommierten University of Sheffield (England) schreibt er über ein Thema, dem er sich ein Leben lang intensiv und mit Herzblut gewidmet hat. Das Werk ist nicht nur für ornithologisch bewanderte Leser interessant, sondern spricht mit seiner unterhaltsamen Art auch interessierte Laien an.

Birkhead zeichnet wichtige biologische Erkenntnisse nach und überzeugt dabei als Experte für die Sinne der Vögel. Pointiert und mit Anekdoten unterfüttert schildert er sowohl seine eigenen Forschungen als auch die von Kollegen. Wissenschaftler wie er versuchen, den Wahrnehmungen der Federtiere auf die Schliche zu kommen. Das gleicht oft einer mühsamen Detektivarbeit – etwa bei Untersuchungen zum Sehsinn.

Lange wusste man nicht, warum viele Vögel so unfassbar gut sehen, obwohl sie verglichen mit Menschen eher kleine Augen besitzen. Laut Birkhead kann beispielsweise der Buntfalke ein 2 Millimeter großes Insekt aus 18 Meter Entfernung erkennen, während wir uns bereits aus 4 Meter damit schwer tun. Die Erforschung dieses Rätsels führte zu der Erkenntnis, dass nicht nur die Augengröße über das Sehvermögen bestimmt – ebenso wichtig ist der anatomische Bau. Die Augen vieler Vögel sind länglich geformt und funktionieren ähnlich wie Fernrohre. Zudem weist die Netzhaut mancher Greifvögel eine fünfmal so hohe Zapfendichte auf wie beim Menschen, liefert also ein viel höher aufgelöstes Bild.

Rätselhafter Magnetsinn

Das Buch besticht jedoch nicht nur mit etabliertem Wissen, sondern auch, indem es auf die Erkenntnislücken der modernen Wissenschaft eingeht. Eine davon ist der schwer fassbare Magnetsinn, der immer noch intensiv erforscht wird. Studien zufolge können Rotkehlchen das Erdmagnetfeld nicht nur wahrnehmen, sondern es regelrecht sehen. Und dass Trottellummen gute Nachbarn sind und monogam lebende Zebrafinken möglicherweise so etwas wie Liebe empfinden, sind ebenso erstaunliche Einsichten. Hier kommt der Autor seinem im Untertitel gegebenen Versprechen schon ziemlich nahe.

Doch natürlich weiß auch Birkhead nicht wirklich, wie es sich anfühlt, ein Vogel zu sein. Was spürt ein Falke, der mit mehreren hundert Kilometer pro Stunde auf seine Beute herabstößt? Wie empfindet ein Kiwi, der seine Umwelt praktisch nur mithilfe des Geruchssinns und des Ertastens per Schnabelspitze wahrnimmt? Nacherleben kann man das als Mensch nicht. Der Autor räumt das auch ein, indem er klarmacht, dass er sich den Vögeln aus biologischer und nicht philosophischer Perspektive nähert. Dies gelingt ihm ausnahmslos gut. Ein nützliches Glossar, umfangreiche Anmerkungen nebst Literatur- und Stichwortverzeichnis, und nicht zuletzt die detailgetreuen Zeichnungen der Künstlerin und Vogelkuratorin Katrina van Grouw runden das lesenswerte Buch ab.

41/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 41/2015

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