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Botschaften mit Sigeln

Schon die Einleitung lässt erahnen, wie vielschichtig die Welt der Zeichen ist. Eine Auseinandersetzung damit erscheint angesichts einer zunehmend länderübergreifenden Erfahrungswelt immer wichtiger. Auch in der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine spielen Zeichenprozesse eine bedeutende Rolle. Germanist und Linguist Schön widmet sich in diesem Werk den Zeichen der Sprache, denen der Natur und jenen des Körpers.

Der Autor stellt verschiedene Modelle einander gegenüber, mit denen die Semiotik sprachliche Zeichen theoretisch erklärt. Das so genannte semiotische Dreieck besteht aus einem Symbol, das sowohl für eine Sache steht als auch einen Begriff erweckt, der sich auf die Sache bezieht. Gemäß der strukturalistischen Theorie des Schweizer Sprachwissenschaftlers Ferdinand de Saussure gibt es dagegen lediglich ein mentales Lautbild (zum Beispiel "Pferd") und den mentalen Inhalt (hier die Vorstellung von diesem Tier), aber die Referenz in der Außenwelt spielt dort keine Rolle. Das Zeichen konstituiert sich laut de Saussure rein innersprachlich durch die Beziehung zu anderen Zeichen, ist willkürlich und durch Konventionen bedingt.

Hände weg von Gelb-Schwarz

Es machen aber nicht nur Menschen von Zeichen Gebrauch. Pflanzen locken durch evolutionär entstandene, trickreiche Erscheinungsbilder ihre Bestäuber an. Im Tierreich haben sich universell gültige Signalfarben herausgebildet, wie Gelb-Schwarz für Gefahr, und Schwänzeltänze von Bienen beispielsweise weisen auf Futterquellen hin. Keine bekannte Tiersprache funktioniert jedoch so flexibel und kreativ über bedeutungstragende und -unterscheidende Elemente wie die Sprache des Homo sapiens. Ein "Phon" bezeichnet hier die kleinste unterscheidbare Lauteinheit gesprochener Sprache – zum Beispiel "sch" in "Sprache" und "Schule". Ein "Graph" hingegen ist die kleinste grafische Einheit eines Schriftsystems, etwa ein Buchstabe. "Phonem" beziehungsweise "Graphem" bezeichnen schließlich Klassen von Lauten oder grafischen Schriftsystem-Einheiten mit gleicher Funktion. Hierauf basieren viele Sprachen. Der Mensch scheint darüber hinaus als einziges Tier seine Sprache zu reflektieren.

Er hinterlässt allerdings auch unvergleichlich viele Spuren, gebraucht internationale Warnzeichen für Radioaktivität und überlegt sich Beschriftungen für Atommüll, die kulturübergreifend und in ferner Zukunft noch zu verstehen sein sollen. Je nach ihrem Zweck, zeigt Schön unter anderem an diesem Beispiel, werden Zeichen nach unterschiedlichen Prioritäten entworfen. Manche müssen für jedermann nachvollziehbar sein, andere sollen gerade mehrdeutig, undurchschaubar oder vornehmlich "schön" wirken. In dem Zusammenhang geht der Autor auf die Authentizität von Zeichen ein: Sie seien in zunehmendem Maße reproduzier- und dadurch manipulierbar.

Smileys kommen nicht immer gut an

Grafische Zeichen wie Verkehrsschilder basieren auf abstrakten Abbildungen von realen Dingen. Ihr Verständnis setzt bestimmte Sehgewohnheiten voraus. Ähnlich verhält es sich mit Emoticons: Anders als viele meinen, werden diese auf Grund individueller Wahrnehmungen häufig missverstanden. Auf unterschiedlichen Kommunikationsgeräten beispielsweise kann der Anblick von Smileys differieren. Und spätestens wenn es um komplexe oder bizarre Mimik geht, interpretieren Menschen sie nicht mehr einheitlich. Leider widmet sich der Autor dem nur oberflächlich.

Das Buch ist mit eindrucksvollen Farbbildern illustriert. Infokästen und Zitate gliedern den Text, gelungene Überleitungen unterstützen den Lesefluss. Wegen der zahlreichen Perspektiven auf das Thema ist der Band nicht so sehr entlang eines roten Fadens angelegt, sondern eher als Sammlung verschiedener Aspekte aufzufassen. Die bedeutenden Semiotiker sind in dem Werk alle vertreten, so dass sich "Die Sprache der Zeichen" sowohl Linguisten als auch neugierigen Laien empfehlen lässt.

Hinweis der Redaktion: Spektrum der Wissenschaft und J.B. Metzler gehören beide zur Verlagsgruppe Springer Nature. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf die Rezensionen. Spektrum der Wissenschaft rezensiert Titel von J.B. Metzler mit demselben Anspruch und nach denselben Kriterien wie Titel aus anderen Verlagen.

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