Direkt zum Inhalt

»Die Suchtlüge«: Sucht ist keine Willensschwäche

Gaby Guzek verbindet gekonnt persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Sucht. Ihr Buch zeigt, wie ein Ausstieg nachhaltig gelingen kann.
Personen sitzen im Kreis und eine Frau legt einem Mann tröstend die Hand auf die Schulter

Gaby Guzek weiß genau, wovon sie schreibt: Die Wissenschaftsjournalistin und Autorin war selbst jahrelang schwer alkoholabhängig und hat den Ausstieg geschafft; und zwar vor allem durch ihre eigene intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht, denn sie war mit den ihr angebotenen Therapiemöglichkeiten unzufrieden. Mit ihrem Buch möchte sie anderen Betroffenen und deren Angehörigen helfen, die Mechanismen hinter der Sucht zu verstehen und ebenfalls den Absprung zu wagen.

Nach einer kurzen Einführung beschäftigt sich Guzek im ersten Teil ihres Ratgebers mit den Veränderungen im Gehirn von Abhängigen und geht dann genauer auf verschiedene Suchtmittel ein – von Alkohol, Tabak und Kaffee über Cannabis, Aufputschmittel und Medikamente bis hin zu Verhaltenssüchten. Im zweiten Teil widmet sie sich dem erfolgreichen Ausstieg. Die Autorin erklärt, welche äußeren Umstände dabei helfen können: eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen und Nahrung, genügend Schlaf und Bewegung sowie die Behandlung eventueller Begleiterkrankungen. Darauf folgen konkrete Tipps, wie man einen Ausstieg am besten vorbereitet und umsetzt.

Den Abschluss bilden einige Seiten, in denen Guzek die Probleme mit der derzeitigen Versorgung suchtkranker Patientinnen und Patienten anspricht, die teilweise auch schon vorher im Buch erwähnt werden. In ihrem Bemühen, die wissenschaftlichen Fakten verständlich zu vermitteln, vereinfacht die Autorin manchmal zu sehr, so dass die Details nicht immer stimmen. Für die Lesenden dürfte dies allerdings weniger bedeutsam sein, da dies den praktischen Wert ihrer Aussagen kaum mindert.

Persönliche Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse

Die persönlichen Erfahrungen von Gaby Guzek sind denn auch die große Stärke des Buchs. Sie kann die Ausflüchte präzise beschreiben, zu denen suchtkranke Menschen greifen, um einen ernsthaften Ausstieg gar nicht erst in Angriff zu nehmen. Sie weiß, wie sich ein Entzug anfühlen kann und was dabei hilft. Trotzdem verlässt sie sich nicht nur auf ihre eigenen Erfahrungen, sondern stellt immer wieder den Bezug zu wissenschaftlichen Erkenntnissen her.

Ein wenig anstrengend sind zuweilen die übertriebenen Formulierungen. Allzu oft »nimmt das Drama seinen Lauf«, liegt ein System »in Schutt und Asche« oder ereignen sich »Katastrophen«. Etwas ratlos macht zudem der Abschnitt über die Nährstofflücken: Zunächst schreibt Guzek, man solle nicht auf eigene Faust Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, sondern vorher einen Arzt konsultieren. Auf diese Aussage folgt dann jedoch eine sehr detaillierte Liste dazu, wie eine Nährstoffkur aussehen könnte – also doch eine Anleitung zum Alleingang?

Trotzdem ist die Lektüre empfehlenswert für alle Menschen, die in irgendeiner Form mit Sucht zu tun haben. Denn sie zeigt vor allem eins: Suchtkranke sind nicht willens- oder gar charakterschwach, sondern haben eine gestörte Hirnbiochemie; körperliche Faktoren – genauer: die Stoffwechselprozesse im Gehirn – sind die Ursache aller Abhängigkeiten. Hinzu kommen äußere Umstände beziehungsweise ungute Verhaltensweisen, die eine Disposition verstärken können. Die wohl wichtigste Botschaft des Buchs lautet: Abhängigkeit ist keine Falle, in der Betroffene für immer sitzen müssen. Ein Ausstieg ist möglich, und das Buch macht Mut, sich auf den Weg zu begeben, um sich nachhaltig aus der Sucht zu befreien.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Welche Psychotherapie passt zu mir?

Studien zufolge erkrankt jeder fünfte bis sechste Erwachsene mindestens einmal in seinem Leben an einer Depression. Doch wie finden Betroffene eine Therapie, die zu ihnen passt? Außerdem in dieser Ausgabe: Kolumbiens kolossales Problem, der Umgang mit Polykrisen und die Übermacht der Eins.

Gehirn&Geist – Zucker als Droge - Wie Süßes unser Gehirn beeinflusst

Auch Erwachsene können Süßem nur schwer widerstehen. Warum wirkt Zucker wie eine Droge und wie beeinflusst Süßes unser Gehirn? Lässt sich dagegen etwas machen? Außerdem: Warum schwindeln manche Menschen ständig, wie kann man solchen pathologischen Lügnern helfen? Manchmal ist es nicht so leicht zu entscheiden, ob wir etwas wirklich sehen oder es uns nur vorstellen. Wie unterscheidet unser Gehirn zwischen Realität und Einbildung? Manche Menschen können längerfristige kognitive Probleme nach einer Krebstherapie haben. Was weiß man über das so genannte Chemobrain, was kann Linderung verschaffen? Dating-Apps ermöglichen es, Beziehungen mit einem Klick zu beenden und plötzlich unsichtbar zu sein. Dieses Ghosting kann für die Opfer sehr belastend sein.

Spektrum - Die Woche – Wieso der BMI in die Irre führt

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.