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»Die unglaubliche Kraft der Natur«: Stress ist nicht gleich Stress

Alle haben Stress – Menschen, Tiere, Pflanzen. Was ihn verursacht und wozu Stress gut ist, erklärt dieses Buch. Eine Rezension

Die Biologin Madlen Ziege schreibt über ihre eigene Erfahrung mit Stress, den sie während der Arbeit an ihrer Promotion erlebt hatte. Das Buch ist eine Kombination aus der Schilderung persönlicher Erlebnisse und einer populärwissenschaftlichen Darstellung der biologischen und medizinischen Faktoren, die Stress begleiten können. Die zentrale Botschaft des Buches ist, dass Stress nicht, wie landläufig vermutet wird, ausschließlich negative Auswirkungen hat. Er kann zwar sehr wohl schädlich und belastend sein und die Gesundheit gefährden, aber aus biologischer Sicht ist die Stressreaktion für Tiere, Pflanzen und auch uns Menschen zunächst durchaus sinnvoll. In der Natur ist sie überlebenswichtig, denn sie hilft allen Organismen, sich an Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen.

Stress lässt sich daher auch als treibende Kraft für die Evolution interpretieren. Die Biologin Madlen Ziege beschreibt dies als »unglaubliche Kraft der Natur«, die dem Organismus bei Problemen mit der ökologischen und sozialen Umwelt helfen kann. Dies sind also nicht nur Schwierigkeiten, die wir bei der Arbeit oder im Privatleben empfinden. Es geht auch um den Stress in der Natur, der sich auf Organismen auswirkt, wenn sich die Lebensbedingungen der Umwelt verändern. Auch unsere psychologischen Reaktionen in belastenden Situationen haben ihre Basis in biologischen Prozessen. Obwohl der Begriff »Stress« bereits in den 1930er Jahren von dem Mediziner Hans Selye geprägt wurde, gibt es bis heute keine einheitliche Definition dafür. Es gibt verschiedene Versuche, Stress biologisch zu erklären, und Madlen Ziege illustriert dies mit einem kurzen Abriss der Geschichte der Stressforschung.

Aufgrund von vielen Untersuchungen und Forschungsergebnissen der letzten Jahrzehnte besitzen wir heute ein besseres Verständnis für die biologischen Mechanismen von Stress. Die Autorin fasst die wesentlichen wissenschaftlichen Ergebnisse kurz zusammen und schildert Reaktionen von Tieren und Menschen auf stressige Umweltbedingungen. So erfahren wir Interessantes über das Leben von Wildkaninchen in der Stadt und über die Anpassung von Bärtierchen, Biber und Eintagsfliegen an eine sich ändernde Umwelt. Auch Kurioses wird geschildert: Bei Gefahr werfen manche Meeresschnecken als Stressreaktion ihren Kopf ab, der sich später wieder regeneriert. Und auch Pflanzen leiden unter Stress; beispielsweise reagieren sie auf Schädlinge, indem sie Giftstoffe zur Abwehr produzieren. All diese Beispiele illustrieren eine erstaunliche und überlebenswichtige Anpassungsfähigkeit von biologischen Organismen an ihren Lebensraum. Diese hilft Tieren und Pflanzen und auch uns Menschen, mit den fortwährenden Veränderungen der Umwelt fertig zu werden. Damit wird Stress zu einer positiven und treibenden Kraft der Evolution.

Dieses Buch enthält aber nicht nur eine populärwissenschaftliche Darstellung der biologischen und medizinischen Faktoren, die Stress begleiten können, Madlen Ziege schreibt außerdem über ihre eigene Erfahrung mit Stress, den sie während der Arbeit an ihrer Promotion erlebt hat. Somit handelt es sich auch um ein persönliches Buch, eine Mischung von Sachbuch und eigenen Erfahrungen.

Der Text ist flüssig und meist kurzweilig geschrieben, er wechselt zwischen wissenschaftlichen Beschreibungen der biologisch wichtigen und positiven Wirkung von Stress in der Natur und eigenen Erlebnissen der Autorin. Ob allerdings jeder dies so detailliert erfahren möchte, ist sicher Geschmackssache. Im letzten Kapitel erteilt Madlen Ziege noch einen Ratschlag, wie wir mit stressigen Situationen umgehen können: Stress als biologisches und natürliches Phänomen akzeptieren, dem wir mit Gelassenheit und der Suche nach seinen wahren Ursachen begegnen sollten.

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