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600 Jahre Expansion

"Vielleicht der wesentlichste Aspekt der Neuzeit ist jene Beweglichkeit, welche die geschlossenen Lebenskreise des europäischen Mittelalters durchbricht und das Gesichtsfeld Europas auf die gesamte Erde ausweitet", beschrieb der französische Historiker Ferdinand Braudel (1902-1985) den Beginn der Globalisierung. Dieser Erweiterung des Horizonts und ihren Folgen widmet sich der Neuzeithistoriker Wolfgang Reinhard im vorliegenden Werk. Mit großer Sachkenntnis und stets auf dem aktuellen Forschungsstand befasst er sich mit der neuzeitlichen europäischen Expansion, beginnend mit deren Vorgeschichte in griechisch-römischer Zeit und europäischem Mittelalter. Die weitere Darstellung ist geografisch und chronologisch gegliedert, von den Entdeckungsfahrten des 15. bis zum Neo-Kolonialismus des 20. Jahrhunderts.

Ausgehend von der Erkenntnis, dass nicht etwa staatliche Institutionen das Zeitalter des Kolonialismus eröffneten, sondern Privatleute (Kaufleute, Forscher, Abenteurer, Missionare), die den großen Entdeckern folgten, verweist der Verfasser zunächst auf die Bedeutung der astronomischen Navigation. Sie erlaubte es den Pionieren, sich anhand des Sonnenstands oder der Position von Sternen in fremden Gefilden zu orientieren. Daneben spielte ein neuer Schiffstyp eine entscheidende Rolle: wendige Karavellen, deren Takelung es ermöglichte, gegen den Wind zu segeln. Sie ebneten den Weg für die Hochseeschifffahrt, die laut dem Philosophen Peter Sloterdijk das Zeitalter der Globalisierung einläutete, "in dem fast alles mit fast allem überall in Interaktion tritt".

Globale Versklavung

Dass die Unterwerfung der Welt seitens der Europäer kein historisches Ruhmesblatt war, erfährt der Leser gleich zu Beginn, wenn es um Landnahme im Zeichen des Kreuzes geht. Eindringlich beleuchtet Reinhard die kulturellen Unterschiede und Konflikte zwischen Einheimischen und Eroberern. Er schildert die verhängnisvolle Rolle einheimischer Eliten, die mit den Kolonialherren gemeinsame Sache machten, erläutert die Mechanismen des kommerziellen Ausbeutens der eroberten Gebiete und nimmt mit der "Verwertung des Menschen" einen zentralen Aspekt der Kolonialisierung in den Blick. Kolonialismus und Sklaverei waren zwei Seiten derselben Medaille.

Zudem geht der Autor auf die Besiedlung der Kolonien ein, insbesondere in Amerika. Dabei zeigt sich, dass die Abtrennung einer Kolonie vom Mutterland je eher einsetzte, umso größer der Europäer-Anteil an der Bevölkerung infolge von Einwanderung geworden war. Zunächst wurden die britischen Kolonien selbstständig, dann die spanischen und portugiesischen.

Sehr ausführlich widmet sich Reinhard sowohl Asien (Indien, China, Japan) als auch dem europäischen Imperialismus in Afrika. Letzterer entstand aus der Rivalität der Mächte, die der Autor als "Balgerei" bezeichnet, und einem ökonomischen Expansionismus. Thematisiert werden ferner die Wirkungen europäischer Kolonisation auf die postkoloniale Welt – etwa am Beispiel der Nahostpolitik Englands und Frankreichs, die mit dem Sykes-Picot-Abkommen 1916 eine klassisch imperialistische Politik des "teile und herrsche" praktizierten. Indem sie künstliche Grenzen und Einflusszonen (Mandatsgebiete) schufen, legten sie den Grundstein für Krisen und Kriege, die den Nahen Osten noch heute heimsuchen.

De- und Neukolonisation

Die Phase der Dekolonisation in Asien und Afrika setzte nach dem 2. Weltkrieg ein. Sie war zum einen bedingt durch völkerrechtliche Errungenschaften wie die Charta der Vereinten Nationen 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948. Zum anderen folgte sie aus den Unabhängigkeitsforderungen der betroffenen Staaten und Völker selbst. Reinhard macht deutlich, dass diese Entwicklung regional unterschiedlich schnell voranschritt. Ging es in Asien recht rasch, bedingt durch die militärische Niederlage Japans als Hauptkolonialmacht und die starke Nationalbewegung in Indien, mussten die afrikanischen Staaten für ihre Befreiung länger und härter streiten, weil die europäischen Mächte an ihren Besitzungen festhielten – zum Teil als Kompensation für ihre Verluste in Asien.

Dagegen entstand 1948 im Nahen Osten mit Israel ein neuer Staat, der eine expansive Siedlungspolitik betrieb. Aus der jüdischen Einwanderung nach Palästina resultierte das, was Reinhard den "letzten Fall großangelegter Kolonisation" nennt. Sie scheint sich infolge der jüngsten Einwanderungswelle nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1991) und der "forcierten Ansiedlung von Juden in der Westbank" als unumkehrbar zu erweisen. Hoffnungen auf eine Dekolonisation – also eine Zwei-Staaten-Lösung – scheiterten bislang an der kompromisslosen Haltung Israels und der tiefen Zerstrittenheit beider politischer Organisationen der Palästinenser, Fatah und Hamas.

Reinhards Gesamtschau der europäischen Expansion illustriert einprägsam, wie Weltgeschichte von Europa aus gestaltet wurde und wird. Laut seiner Definition ist Kolonialismus die "Kontrolle eines Volkes über ein fremdes, unter wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Ausnutzung der Entwicklungsdifferenz zwischen den beiden". Legt man diese Definition zu Grunde, kann man heutige Globalisierungsprozesse als Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln betrachten. Eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Geschichte europäischer Expansion interessieren oder auch nur besser verstehen wollen, warum unsere Welt so ist, wie sie ist.

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