Direkt zum Inhalt

»Die Urknallmaschine«: Die Schönheit und das Forschungsmonster

Das CERN betreibt nicht nur den »Large Hadron Collider«, es ist eine Forschungswelt für sich. Eine gelungene Einführung in diesen Giganten der Wissenschaft.

Als ich mich für die Besprechung dieses Buchs entschied, trieb mich ein wenig die Befürchtung um, seinem Thema nicht voll gewachsen zu sein. Bei Baryonen, Mesonen und anderen Hadronen und ihren Eigenschaften wie »Strangeness«, »Charm« oder »Beauty« bin ich nicht ganz in meinem Element. Auch der Untertitel »Den Rätseln des Universums mit dem größten Teilchenbeschleuniger auf der Spur« ließ mich einen erheblichen Anspruch vermuten.

So war ich denn angenehm überrascht, als das Buch bei mir eintraf und ich einen ersten Blick hineinwarf. Das Werk ist von handlichem Format und nahm mir schon beim ersten Überfliegen meine leisen Befürchtungen. Das liegt an der ganz bemerkenswerten Bebilderung, dem klaren, anschaulichen und freundlichen Erzählstil der Autorin und den vielen Hintergrundgeschichten, die das Geschehen erst richtig nachvollziehbar machen.

Das Buch dreht sich um das CERN. Sein Name leitet sich von der französischen Bezeichnung des Rates ab, der in den 1950er Jahren mit seiner Gründung beauftragt war: dem »Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire«. Dort – gelegen am Genfer See, teils in der Schweiz, teils in Frankreich – wird mithilfe gewaltiger Maschinen erforscht, woraus das Universum besteht und wie es funktioniert. Hauptdarsteller in Barbara Warmbeins Buch ist die größte dieser Maschinen, der »Large Hadron Collider« oder kurz »LHC«. Die gesamte Anlage und ihre ungeheuer dimensionierten Detektoren werden höchst plastisch beschrieben. Man lernt »ATLAS« kennen und »ALICE«, das »CMS«, das »LHCb« (Kurzform für das »Large Hadron Collider beauty«-Experiment) und viele andere.

Ein gigantischer Apparat – in jeder Hinsicht

Eine Ebene unterhalb der mit leichter Hand erzählten Geschichten kommt eine Schicht zum Vorschein, die mich persönlich ein wenig gruseln lässt. So groß und ungeheuer wie die Maschine selbst ist auch der administrative und operative Apparat dieses Forschungsmonsters. Hier arbeiten hoch qualifizierte Wissenschaftler, die für ihren meist schon viele Jahre zuvor beantragten und geplanten Forschungsauftrag einfliegen, eine Zeit lang am CERN bleiben und dann wieder in ihre nationalen Institute entschwinden; oder aber auch ständig dort bleiben, wo sie dann ihre noch nicht schulpflichtigen Kinder in den »Teilchengarten« schicken, den »Jardin des Particules«. 3400 Menschen arbeiten permanent am CERN, 14 000 Gastwissenschaftler aus 85 Nationen tun das zeitweise.

Am CERN findet keine Forschung der spontanen Art statt. Alles ist hier über ein komplexes Antragswesen Jahre im Voraus geplant. Hier gibt es keine Wissenschaftler, die eines Abends beim Spaziergang in der wunderschönen Landschaft am Genfer See eine spontane Idee haben, die sie dann am anderen Morgen gleich ausprobieren können. Man muss sich schon seit Langem gewiss sein, etwas Bestimmtes zu finden. Es muss mit der etablierten Wissenschaftsgemeinde abgestimmt sein, wenn man hier Forschungszeit bewilligt bekommen will. So war auch die gefeierte Entdeckung des Higgs-Bosons alles andere als ein Zufallsfund.

Eine eigene Wissenschaftswelt

Das CERN ist ein elitäres Milieu, eine »Gated Community« wie so manche EU‑Institution, mit eigenen Geschäften, Restaurants, Klubs und Bankfilialen und einem »Rat« von Delegierten aus allen 85 Mitgliedsstaaten. Der fällt auch politische Entscheidungen – etwa darüber, wer Zugang zum LHC erhält und wer nicht. Der Betrieb der Anlage kostet 1,3 Milliarden Euro. Pro Jahr. Deutschland zahlt von Beginn an knapp ein Viertel davon.

Erschienen ist »Die Urknallmaschine« bei der Bruckmann Verlag GmbH als nationaler Lizenznehmerin von National Geographic. Im Buch wird gegendert, aber Barbara Warmbein macht das so augenzwinkernd, dass es zwar gelegentlich immer noch holprig, aber insgesamt dennoch erträglich ist. Sehr häufig (mindestens achtzigmal) liest man »Physiker:innen«, manchmal verwendet der Text aber auch nur die männliche Form »Physiker« – hier weist die Autorin den überraschten Leser darauf hin, dass man hier nicht guten Gewissens gendern könne, denn es seien an dieser Sache tatsächlich ausschließlich Männer beteiligt. Partizipialformen gibt es auch, aber nicht sehr viele. Nach meiner Erfahrung tun sich Verlage generell keinen Gefallen, in naturwissenschaftlichen Sachbüchern zu gendern, denn die meisten Stammleser schätzen das nicht.

Davon abgesehen ist der Text wunderbar klar, lebendig und so strukturiert, dass ihn auch ein interessierter Schüler etwa ab der Mittelstufe verstehen kann. Die kurzen Storys, in die das Buch aufgeteilt ist, sind alle unterhaltsam und fesselnd. Gefallen hat mir auch die Art und Weise, in der die Autorin im ständigen Dialog mit dem Leser ist und ihn immer wieder persönlich anspricht. Ein Stilmittel, das besonders jüngeren Lesern gefallen dürfte.

Der große Schatz dieses Buchs sind aber seine Bilder. Trotz des relativ kleinen Formats vermitteln sie einen Eindruck der gigantischen Abmessungen der Anlage, der Vorrichtungen, Instrumente und Detektoren, die darin wirken, aber auch von der Schönheit der Gegend, in die sie eingebettet ist. Dazu gibt es viele aussagekräftige und klug aufgebaute Grafiken, Schnappschüsse von Menschen und historisches Bildmaterial.

Am Schluss erfahren wir schließlich, dass der Nachfolger des großen Hadronenbeschleunigers schon in Planung ist. Die 91 Kilometer lange Kreisbahn dieser als »Future Circular Collider« (kurz als »FCC« oder auch scherzhaft als der »Fucking Colossal Collider«) bezeichneten neuen Anlage soll 2040 eröffnet werden. Der LHC wird dann zum »Vorbeschleuniger« für den neuen Giganten degradiert.

Nach der Lektüre dieses Buchs hat der Leser eine gute Vorstellung vom CERN, seinen Anlagen, seiner Geschichte, seiner Infrastruktur und den Menschen, die es betreiben. Seinen Preis von 24,99 Euro ist es ganz und gar wert.

Kennen Sie schon …

Sterne und Weltraum – Alpha Centauri: Wie viele Planeten hat unser Nachbar?

Das Alpha Centauri System besteht aus dem hellen Sternenpaar Alpha Centauri A und B sowie dem lichtschwachen Roten Zwerg Proxima Centauri. Besonders interessant wurde dieses nahe Sternsystem, als Hinweise auf mögliche Exoplaneten auftauchten – deren Existenz wurde jedoch durch wechselnde Beobachtungsergebnisse immer wieder infrage gestellt. Darüber hinaus: Der Rückblick auf die Kometen des vergangenen Jahres, verlief der Urknall völlig anders als gedacht und wie entstanden die unterschiedlichen Sterne in Kugelsternhaufen?

Spektrum - Die Woche – DeepSeek erschüttert erneut die KI-Welt

»Die Woche« analysiert, wie das KI‑Modell DeepSeek die globale KI‑Landschaft verändert. Zudem: Warum die körperliche Fitness von Kindern und Jugendlichen seit Corona sinkt, weshalb Alltagsgespräche seltener werden und wie neue Verfahren der Quantenfehlerkorrektur Quantencomputer voranbringen.

Spektrum - Die Woche – Die wilden Kühe von Tschernobyl

In Tschernobyl ist unfreiwillig ein einzigartiges, weitgehend menschenleeres Naturparadies entstanden. Lesen Sie, wie sich das Leben dort über die Jahre erholt hat. Darüber hinaus: Interview zur Rettungsaktion für den Buckelwal und wie funktioniert Quantenphysik in einem sich ausdehnenden Universum?

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.