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Buchkritik zu »Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt des antiken Wissens«

Den Rahmen für das Mammutwerk bildet der Versuch, die Gründe sowohl für den Aufstieg als auch für den Niedergang des damaligen Forschungsdrangs zu beleuchten. Eigentlich ist es aber ein Nachschlagewerk für die Geschichte der Wissenschaften, voll gepackt mit unzähligen Informationen und Anekdoten. Eingeflochten in Einführungen in die verschiedensten Fachgebiete, unter vielen anderen Mathematik, Navigation, Optik, Hydrostatik und Mechanik, stellt Russo zunächst die wichtigsten Protagonisten der hellenistischen Wissenschaft und deren Errungenschaften vor.

Der heute wohl noch bekannteste unter ihnen ist das Multitalent Archimedes von Syrakus. Die populären Geschichten über ihn erzählen nicht nur vom Sprung aus der Badewanne ("Heureka!"), sondern auch, dass er die Fläche eines Parabelsegments mit Hilfe der Approximationsmethode berechnete. Weniger bekannt ist, dass er über eine Darstellungsweise für Zahlen verfügte, die unserer Schreibweise mit Exponent und Mantisse ähnelt; er wusste auch, dass die Oberfläche der Ozeane sphärisch ist.

Erstaunlich genaue Ergebnisse erreichten Aristarchos von Samos, der die Entfernung von Sonne und Mond zur Erde mit der Triangulationsmethode bestimmte, und Eratosthenes, der nicht nur Primzahlen aussiebte, sondern auch den Erdumfang berechnete. Auf dem Gebiet der Anatomie und der Physiologie gabe es große Fortschritte. So entdeckte der Arzt Herophilos von Chalkedon Nerven im Gehirn und verstand sogar ihre Funktion.

Russos Werk bietet auch Platz für Beschreibungen von Geräten wie der Schneckenpumpe, die als archimedische Schraube bekannt ist, oder für mathematische Beweise und Definitionen, deren herausragendstes Beispiel die Deduktion der Geometrie in den "Elementen" des Euklid ist. Das ist für Laien oftmals zu detailliert, aber für Fachleute allemal ein Leckerbissen. Die Beispiele kommen aus den verschiedensten Bereichen: Es gab riesige Handelsschiffe mit integrierten Turnhallen und Bibliotheken, was ein wenig an die geplanten Jumbojets mit eingebauten Fitnesscentern erinnert. Navigationsinstrumente ermöglichten die Bestimmung des Breitengrads auf dem offenen Meer. Es gab schon echte Uhren wie die Wasseruhr des Ktesibios, für die sogar die im Jahreslauf wechselnde Länge der Stunden kein Problem darstellte. Auf Ktesibios geht auch eine Wasserorgel zurück, die als das erste wissenschaftlich konzipierte Tasteninstrument gilt.

Ausbildungsverträge mit festgelegten Löhnen und eine zentrale Staatsbank, die Kredite für Privatpersonen vergab, waren damals nicht unbekannt. Erstaunlich modern muten selbst die hellenistische Stadtplanung und die bildenden Künste an. Dank seiner akribischen Recherchen, belegt durch zahlreiche Referenzen, Fußnoten und den Anhang, gelingt es Russo, dem Leser anschaulich zu vermitteln, wie "modern" die hellenistische Antike selbst für heutige Verhältnisse war. Das damalige geistige Klima löste gesellschaftliche, politische und sogar religiöse Umwälzungen aus, die erst mit der Eroberung durch die Römer zum Stillstand kamen.

Doch sind fast die gesamten Primärtexte verloren, worunter auch Russos leidenschaftliche Beweisführung leidet. So kann er nur argumentieren, dass vieles von dem damaligen Wissen, bis es zu uns gelangte, mehrere "Filter" durchlief – wie beispielsweise kaiserzeitliche Autoren, denen es an Verständnis für die komplizierten Abhandlungen mangelte. Wenn also überhaupt Texte überliefert wurden, dann meist nur verzerrt. Und da oftmals die Originalquellen fehlten, wurden viele ursprünglich hellenistische Lehren fälschlich anderen Kulturen zugeschrieben.

Da Russo so viele unterschiedliche Themenbereiche abdeckt, muss er den Leser häufig auf spätere Kapitel vertrösten. Außerdem behandelt er die gesellschaftlichen, politischen und sozialen Auswirkungen der technischen Neuerungen nur am Rande, und wirklich überzeugende Gründe für das "Warum" führt er nicht an. Ob "Die Vergessene Revolution " die Wissenschaftsgeschichte revolutionieren wird, bleibt also abzuwarten. In der Zwischenzeit gibt das Werk immerhin neue Denkanstöße.

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 06/2006

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