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Wie Religion die Moderne geprägt hat

Ein umfassender Sammelband arbeitet heraus, welche Rolle die Religion bei der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft gespielt hat.

Warum denken wir als »moderne« Menschen so, wie wir es tun? Welche Entwicklungen haben zu unserer heutigen, westlichen Welt geführt? Und welche Rolle spielt Religion dabei? Wenn solche Fragen gestellt werden, hat man es im wahrsten Sinne des Wortes mit Grundlagenforschung zu tun. Es ist zwar ein wenig anstrengend, aber dafür ertragreich, wenn man versucht, die Wurzeln des eigenen Denkens, der Weltanschauung und des Forschens zu verstehen.

Provozierender Buchtitel?

Dabei mag dem einen oder anderen Leser bereits der Titel des von Matthias Pohlig und Detlef Pollack herausgegebenen Sammelbands als Provokation erscheinen: Ist die Moderne aus der Religion erstanden? Dieser Gedanke steht dem aktuellen Alltagsbewusstsein entgegen: Der moderne Mensch ist aufgeklärt, rational und säkularisiert, aber nicht altmodisch und religiös. Mit Hilfe fächerübergreifender Beiträge zeigt das Buch jedoch die Entwicklungslinien, Brüche und Untertöne auf, die den Weg in die Moderne aus dem Bereich des religiösen Denkens heraus geformt haben.

Das Werk ist in vier Themenkomplexe gegliedert: Die Frage nach der Religion in der frühen Neuzeit und in der Zeit der Aufklärung bietet als Erstes eine historische Einordnung in zwei Kapiteln an. Die soziologischen und philosophischen Arbeiten im dritten Abschnitt widmen sich der Frage nach dem Wesen der Moderne und ihrer Entstehung, während der vierte Teil auf Einsichten aus der Wissenschafts- und Wirtschaftsgeschichte eingeht.

Der Historiker Brad S. Gregory hebt im ersten Aufsatz des Bands einen Aspekt der kommenden Moderne besonders hervor: Die Reformation Martin Luthers habe zu einem – unbeabsichtigten – Pluralismus geführt, der bis heute andauert und letztlich die Trennung von Staat und Kirche sowie den Gedanken der Toleranz bedingte. Auch für den Historiker Carlos M. N. Eire liegt der Wendepunkt der westlichen Geschichte in der Reformationszeit, die durch die Grundprinzipien des Protestantismus, insbesondere durch die Abschaffung übersteigerter Wundergläubigkeit die Welt entsakralisiert habe.

Die soziologischen Analysen des Sammelbands fokussieren sich hauptsächlich auf die Rolle der Religion bei der funktionellen Spaltung der westlichen Gesellschaft. Rudolf Stichweh betont, der religiöse Sinnkomplex mit seiner großen Rollenvielfalt (Priester, Heiler, Weise und so weiter) habe als Matrix für eine gesellschaftliche Differenzierung etwa in die Bereiche Medizin, Wissenschaft, Kunst fungiert. Detlef Pollak sieht weiterführend die Konflikte zwischen Religion und weltlicher Macht, Kirche und Gesellschaft als Auslöser für eine gesellschaftliche Entwicklung an, die zur Trennung von Staat und Kirche seit dem Ende des 18. Jahrhunderts geführt hat. Auch Bereiche wie Recht, Naturwissenschaft und Moral lösten sich von der Religion ab und wurden unabhängig.

Neben den großen Linien wirken vor allem die vielfältigen Beobachtungen in den Aufsätzen inspirierend, darunter die Ausführungen von Wolfgang Ludwig Schneider. Er beschreibt, welche Bedingungen dazu führten, dass sich wissenschaftliches Denken im europäischen Raum anders entwickelte als im arabisch-islamischen Kulturkreis. Als einen Faktor für diese Entwicklung identifiziert Schneider die Rezeption der aristotelischen Naturphilosophie im Europa des 13. Jahrhunderts, die für die Vorbereitung des »wissenschaftlichen-rationalen Denkens« in den nachfolgenden Jahrhunderten ausschlaggebend war. Die arabisch-islamische Kultur hatte im wissenschaftlichen Bereich zunächst einen erheblichen Vorsprung, welcher jedoch später verloren ging, da der Islam wesentlich stärker das Gewicht des Nachdenkens auf juristische Fragen lenkte.

Kaspar von Greyerz widmet sich in seinem Aufsatz den Gedanken der »Physikotheologie« (zwischen 1650 bis zirka 1750): Als Aufnahme physikalischer Gedanken in die Theologie propagiert sie eine interessante anthropozentrisch-utilitaristische Sicht der Natur, in der Gott als rationales Wesen betrachtet wird. Ausführlich nimmt sich hingegen Stefan Gorißen des Zusammenhangs von konfessioneller Orientierung und ökonomischer Rationalität hinsichtlich der viel diskutierten »Protestantismus-Kapitalismus-These« des Soziologen Max Weber (1864–1920) an.

Der Sammelband präsentiert damit zugänglich die Frage nach Religion und Moderne aus unterschiedlichen Perspektiven. Allerdings sind einige Aufsätze unnötig kompliziert und sprachlich unschön geschrieben, was durchaus schade ist, da auf diese Weise viele interessante Gedanken und Forschungsergebnisse schlecht kommuniziert werden. Ein Sammelband, insbesondere wenn er aus einer Expertentagung hervorgeht, ist nun einmal selten leichte Lektüre. Wenn man sich aber erst einmal eingelesen hat, wird man mit einem tiefen Einblick in die Genese unserer heutigen Weltanschauung belohnt.

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