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»Die Vierte Kränkung«: It’s the »Geist«, stupid!

Wer die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auslotet, sollte auch um ihre Grenzen wissen. Diese beleuchtet Rüdiger Safranski in seinem philosophischen Essay.

Künstliche Intelligenz (KI) ist allgegenwärtig. Sie liefert Informationen, berät uns, hilft beim Schreiben und bei Datenanalysen, ersetzt mitunter eine Psychotherapie – und für manche sogar den Lebenspartner. Kein Wunder also, dass Unternehmen, die vom KI-Boom profitieren, gigantische Summen in neue Rechenzentren, Chips oder eigene Atomkraftwerke investieren und dass die Börsennotierungen der Marktführer explodieren. Seit Ende 2022 die ersten Large-Language-Modelle der Allgemeinheit verfügbar wurden, lässt der Hype um die KI nicht nach – ebenso wenig wie die Warnungen vor ihren Gefahren.

Der Philosoph, Publizist und Literaturwissenschaftler Rüdiger Safranski (Jahrgang 1945) konzentriert sich in seinem Essay auf die zentrale Differenz, die, so der Autor, im Zuge des Hypes unterzugehen drohe: KI sei im Gegensatz zu Menschen »geistlos«. Während viele – unter ihnen Technologieexperten und Philosophen – schon dabei seien, die Allmacht der KI als fast gottgleich zu preisen oder Angst vor ihrer vermeintlichen Übermenschlichkeit zu verbreiten, die uns gänzlich zu beherrschen und letztlich auszurotten drohe, beschreitet Safranski den umgekehrten Weg; er nimmt die Perspektive des Humanismus ein und betont, was uns Menschen von der KI unterscheide und im Vergleich mit ihr auszeichne: unseren Geist.

Geistlose KI

»Geist« ist ein alter Begriff aus Philosophie und Religion, der schon in der Thora und von den antiken Philosophen (übrigens oft unscharf) gebraucht wurde. Der Begriff begleitet die Menschheit seitdem über das Mittelalter bis in die Gegenwart der Philosophie des Geistes. In ihr manifestiert sich das Leib-Seele-Problem, also die moderne Frage: Wie kommt es, dass Materie »sich selbst denken kann«?

Nun kann und will Safranski diese Frage nicht beantworten, sondern gründet seine Argumentation auf der Prämisse, dass künstliche Intelligenz auch ohne Bewusstsein möglich ist, während Menschen neben Intelligenz immer auch über Bewusstsein und Geist verfügen. Safranski argumentiert dabei aus den Traditionen der philosophischen Hermeneutik, des Idealismus und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule.

Die sieben Merkmale des Geistes

Den menschlichen Geist bestimmt Safranski über sieben Merkmale, die er dann in seinem Essay entfaltet: »die emotionale und körperliche Einbettung; das Selbstverhältnis; die Spontaneität; die Modalität und Temporalität; die Empathie und das Verstehen; die Moralität; schließlich die Freiheit«. So seien wir Menschen eingebettet in Gefühle, unser Denken sei von Stimmungen abhängig, und wir müssten uns zu Distanz zwingen, um objektiv sein zu können. Wir hätten Ängste, einiges sei uns unheimlich – und immer wieder folgten wir unserem Impuls, frei sein zu wollen. Wir langweilten uns, machten uns aber auch echte Sorgen, und schließlich, so der Autor, denken wir nicht allein mit dem Gehirn, sondern mit dem ganzen Körper. »Das Leben ist ungenau, von Ambivalenzen und Unschärferelationen bestimmt.«

Unsere Moral beruhe auf Mitleid (hier beruft sich Safranski auf Schopenhauer) und Empathie. Menschen spürten sie in sich und für andere, KI-Anwendungen und Maschinen könnten sie nur simulieren. Anders als die KI, die nur Regeln befolge und dabei Binärcodes, mathematische Formeln und statistische Berechnungen anwende, lasse sich menschliches Denken nicht in Algorithmen fassen. Es sei eng mit Gefühlen, Körperempfindungen und individuellem Erleben verknüpft. Safranski erinnert auch an Immanuel Kants Begriff des »Ding an sich«: die Annahme, dass Objekte unabhängig von unserer Wahrnehmung und unseren Sinneseindrücken existieren. Für die KI gibt es kein »Ding an sich«, sie kann »über ihre Programmierung hinaus sich selbst nicht überschreiten, für sie gibt es kein ›Außerhalb‹ des Systems, das sie ist.«

Die Welt der KI‑Gespenster

Selbst wenn Menschen sagten, dass KI etwas oder jemanden »versteht«, sei dieses Verstehen nur statistisch simuliert, es sei kein körperliches oder sinnliches Verstehen oder gar Einfühlen. Safranski warnt davor, dass sich durch die immer weitere Verbreitung der KI in unserem Alltag eine »Erosion des Verstehens und der Kommunikation« vollziehe: »Man bewegt sich, ob man will oder nicht, in dieser Welt wie unter Gespenstern, die einen die misstrauische Frage verdrängen lassen: Lebt dieses Leben noch?«

Aber was hat es mit der titelgebenden »Vierten Kränkung« auf sich? Safranski bezieht sich auf Sigmund Freud, der von drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus gesprochen hatte: Die kopernikanische Wende habe den Menschen aus dem Mittelpunkt des Weltalls vertrieben; Darwin habe gezeigt, dass der Mensch »von den gleichen Vorfahren wie die Affen« abstamme; und die freudsche Entdeckung des Unterbewusstseins zeige, dass der Mensch »nicht Herr im eigenen Haus« sei. Die KI sieht der Autor nun als eine vierte narzisstische Kränkung: eine tote Materie, die ohne Bewusstsein »menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet«.

Vor allem aber halte die KI »böse Überraschungen« für uns bereit, sei voller Zivilisationsmüll und versetze uns in einen »Schlaf der Vernunft«. Dagegen plädiert der Autor eindringlich für ihre Regulierung und verweist schließlich auf Goethes Ballade »Der Zauberlehrling«. Diesem sei ein Meister zur Hilfe gekommen, als er die von ihm gerufenen Geister nicht mehr zu beherrschen wusste. Und uns?

Safranskis Essay ist durchweg gut und flüssig geschrieben, verständlich und leicht zu lesen. Es ist vielleicht das richtige Buch zur rechten Zeit.

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