»Die Welt nach dem Westen«: Wenn Macht vergeht
Haben Sie Angst vor der Zukunft? Vor Krieg, gesellschaftlichem Abstieg oder dem Verlust von Wohlstand? Die Gemengelage der internationalen Politik kann durchaus ängstigen. Das macht es umso wichtiger, die Weltlage sachlich zu betrachten. Der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki hat sich für sein Buch genau das vorgenommen: eine nüchterne Analyse der momentanen Weltlage – ungeschönt, aber auch ohne Alarmismus. Wie wird die Welt nach einem Ende der westlichen, also US-amerikanisch-westeuropäischen Vorherrschaft aussehen? Wird sie friedlicher oder noch gewalttätiger? Und in welchen Rollen könnten sich Deutschland und Europa in dieser neuen Welt wiederfinden? Dass der Westen seine Vorherrschaft nach und nach einbüßt, ist für Marwecki unstrittig. Wie es dazu gekommen ist, was dieser Abstieg mit sich bringt, und wie der Westen aktuell damit umgeht, ist Gegenstand seiner Analyse.
Der Autor beginnt mit einer Erklärung für die lange Zeit westlicher Dominanz. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert haben sich, so Marwecki, die Großmächte Westeuropas unter Zuhilfenahme neuer industrieller Technologien und moderner staatlicher Organisationsprinzipien die Welt Stück für Stück unterworfen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs seien diese Staaten auf dem Zenit ihrer Macht gewesen. Ihre Expansion sei geprägt gewesen von brutalen Feldzügen und enthemmter Gewalt.
Bruchlinien westlicher Herrschaft
Anschließend beleuchtet der Autor das, was er als Bruchlinien westlicher Herrschaft wahrnimmt. Er beschreibt, wie westliche Ideale von Freiheit und Gleichheit durch ihre vermeintlichen Repräsentanten etwa in den Kolonien missachtet worden seien und wie sich – trotz formaler Unabhängigkeit – noch heute globale Machtstrukturen in den ehemaligen Kolonien widerspiegelten. In diesem so genannten Globalen Süden halte sich die Gewalt, die, so Marwecki, die westliche Herrschaft mit sich gebracht habe, weiter hartnäckig – denn auch der Widerstand gegen sie sei oft von Gewalt geprägt gewesen, wie antikoloniale Kämpfe etwa in Algerien oder Haiti gezeigt hätten.
Anderen Staaten hingegen sei es gelungen, sich die Mittel selbst anzueignen, mit denen der Westen die Welt dominiert habe, und so zu ihm aufzuschließen. Das sei insbesondere ostasiatischen Staaten, allen voran Japan und Südkorea, und in neuerer Zeit China gelungen. Industrialisierung und staatlicher Machtausbau würden hier genutzt, um den Westen herauszufordern. Dieser reagiere darauf mit Argwohn oder gar offener Feindseligkeit. Marwecki zeigt, wie sich globale Abhängigkeitsdynamiken umkehren könnten, sei der Westen doch mittlerweile von der chinesischen Industrieproduktion abhängig. Marwecki spricht in diesem Zusammenhang auch von einer »defensiven Industrialisierung« nicht westlicher Staaten – eine Formulierung, die speziell mit Blick auf China zumindest diskussionswürdig erscheint.
Auch in militärischer Hinsicht verliere der Westen zusehends seine global dominante Stellung. Das habe sich an den Interventionskriegen im Irak und in Afghanistan deutlich gezeigt. Hier sei der westliche Herrschaftsanspruch katastrophal gescheitert, und es habe sich eine »klaffende Lücke zwischen der Selbstdarstellung und dem Agieren des Westens« offenbart. Die propagierten Werte der Freiheit und der Demokratie entpuppten sich, so Marwecki, oft als zynische Rechtfertigungsversuche für eine brutale militärische Interessenpolitik.
Ukraine und Gaza als Symptome des Niedergangs
Für Marwecki zeigt sich das Ausmaß des westlichen Machtverlustes an zwei der größten Krisen der heutigen Zeit: dem Ukraine-Krieg und dem Gaza-Konflikt. Dem Westen sei es nicht gelungen, die russische Invasion zu stoppen, die bislang ergriffenen Maßnahmen könnten allenfalls das Tempo des russischen Vormarschs bremsen. Zusätzlich offenbare sich in der Unterstützung für Israel eine schon oft gezeigte Doppelmoral westlicher Politik: Was man im Falle Russlands zu Recht verurteile, wolle man im Falle Israels mitunter nicht einmal konkret ansprechen.
Doch wie kann eine »Welt nach dem Westen« aussehen? Der Westen werde seine Vorherrschaft verlieren, schreibt Marwecki, doch das müsse nicht zwangsläufig zu einer schlechteren Welt führen. Der Abstieg einer Großmacht bringe immer Unsicherheit und Konflikte mit neuen, aufstrebenden Mächten mit sich. Hierbei bestehe die Gefahr einer Eskalation – wodurch, so der Autor, der Diplomatie und dem Souveränitätsgebot der Vereinten Nationen heute eine herausragende Rolle bei der Friedenssicherung zukomme. Doch insbesondere Europa falle der Abschied von der Dominanz der Vergangenheit schwer. Es wirke wie »der Akteur, der am orientierungslosesten in die neue Welt stolpert«. Daran etwas zu ändern, sei die große Aufgabe europäischer Politik der kommenden Jahre. Und diese ist durch den Krieg im Nahen Osten, von dessen Ausbruch Marwecki beim Schreiben seines Buchs noch nichts wissen konnte, sicherlich noch einmal schwieriger geworden.
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