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Wortschätze und Sprachwunder

Zwei Literaturbewegte entführen ihre Leser in eine wundersame Kollektion der deutschen Sprache.

In Tilde Michels' Kinderbuch »Kleiner König Kalle Wirsch« tritt eine Figur namens Kohlen-Juke auf, ein bekennender Wortklauber, der 20 Wörter sammeln will, die mit »so« beginnen, um – sozusagen sofort – eine kurze Geschichte daraus zu basteln. Kohlen-Juke verfiele in helle Verzückung angesichts der Sprachschätze, die Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer in diesem Buch ausbreiten. Böhm, Eventmanager in Sachen Literatur, und Pfeiffer, in der Verlagsbranche tätig, orientieren sich in ihrem Werk an den herrschaftlichen Wunderkammern der Renaissance und des Barock, in denen Raritäten und Mirabilien, Launen der Natur und Capricen von Künstlern, Geschaffenes und Gewachsenes, Porzellan und Straußeneier in nonchalanter Willkür nebeneinander gezeigt wurden. Dort wie hier gibt es keine leitende Idee und schon gar keine stringente Gliederung, sondern nur ein, wie die Autoren es nennen, »gedankenfunkenschlagendes Sammelsurium«. Prinzip der Anordnung ist die Abwechslung. Und so finden sich in dem Buch neben vielen anderen Kuriositäten: Wörter und Unwörter des Jahres, Jäger- und Anglerlatein, Rotwelsch und der Jargon von Sankt Pauli, Austriazismen und Helvetismen.

Semmel oder Weckle?

Da beschimpfen Schriftsteller ihre Kollegen, etwa ein Thomas Bernhard, dem zu Goethe das schöne Wort »Geisteshomöopath« einfiel. Karten zeigen uns, wo der Weihnachtsmann die Geschenke bringt und wo das Christkind; wo man in die Semmel beißt und wo ins Weckle. Zeitgenössische Autoren bekennen sich zu ihren Lieblingsvokabeln: Sibylle Lewitscharoff etwa steuerte »verkasematuckeln« für »umständlich erklären« bei. Sprachspiele sind in einer solchen Schatzkammer natürlich unverzichtbar, und so erfreuen die Autoren ihr Publikum mit Anagrammen, Schüttelreimen und Palindromen vom schlichten »Uhu« bis zum deutlich ambitionierteren »O Genie, der Herr ehre dein Ego!«

Interessiert nimmt man zur Kenntnis, dass es einige deutsche Wörter bis ins Finnische, Türkische und Albanische geschafft haben. Wer immer schon wissen wollte, wie der Brief an einen Kurfürsten beendet gehört (nämlich mit »unterthänigst gehorsamster«), findet hier Rat. Wir lesen fünf verschiedene Versionen des Vaterunser (vom Althochdeutschen bis zum QR-Code) und ebenso viele deutsche Übersetzungen der 97. Sure des Koran. Wer hinterher immer noch behauptet, es sei überflüssig, andere Sprachen zu erlernen, weil man doch ohnehin alles Relevante ebenso gut in Übersetzung lesen könne, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das klingt alles wie ein grandioser Spaß und ist es auch. Aber, so mag man sich fragen, hat dieses Buch wirklich genug zu bieten, dass man ihm einen Platz im Regal einräumen sollte? Auf jeden Fall! Denn so, wie man eine barocke Wunderkammer nicht in einer Wellblechhütte unterbringen sollte, braucht auch eine sprachliche Wunderkammer ein adäquates Ambiente – und findet es in diesem außergewöhnlich liebevoll gestalteten und darum von der »Stiftung Buchkunst« ausgezeichneten Band. Da ist die Lektüre nicht nur ein intellektuelles, sondern auch ein visuelles und haptisches Vergnügen. Zumal es wohl kaum einen Leser geben dürfte, dem nicht zu der einen oder anderen Rubrik selbst noch etwas einfiele – ein Kinderausspruch etwa, der in der ganzen Familie immer wieder erzählt wird, oder auch ein (Achtung, Kalauer!) an den Haaren herbeigezogener Name eines Frisörsalons, um die einschlägige Liste auf Seite 205 zu ergänzen. Eigentlich sollte das Buch auch ein paar leere Seiten enthalten, dann könnte jeder seine eigenen Fundstücke dazu notieren.

Wenn die barocken Wunderkammern ein Gefühl der Überwältigung angesichts des vielfältigen Reichtums der Welt evozieren sollten (und natürlich Respekt vor dem Eigner der Sammlung, der über diesen Reichtum verfügen konnte), dann kann die »Wunderkammer der Deutschen Sprache« das ebenso. Nämlich ein Gefühl dafür erzeugen, dass Sprache unendlich viel mehr zu bieten hat, als ein Wörterbuch plus Grammatik je beschreiben könnte – und dass man auch selbst, quasi als Bruder Kohlen-Jukes, überall Sprachschätze heben kann. Und das ist doch eine ganze Menge Erkenntnisgewinn für ein einziges Buch.

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