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Sänger auf unseren Wiesen

Ein neuer Naturführer stellt die etwa 350 Zikadenarten Mitteleuropas gelungen vor.

Die moderne Agrarlandschaft bekommt den Insekten offenbar schlecht: Seit Jahrzehnten geht ihre Artenvielfalt stark zurück. Die Ausmaße des Insektensterbens erschrecken: Caspar A. Hallmann von der Radboud University und seine Kollegen beispielsweise haben 2017 herausgefunden, dass in den zurückliegenden 30 Jahren mehr als 75 Prozent der Fluginsekten in deutschen Naturschutzgebieten verschwunden sind. Vor diesem Hintergrund erscheint es dringender denn je, mehr über die Sechsbeiner zu wissen, um sie besser schützen zu können.

Da ist ein Buch wie dieses willkommen, das sich mit den Zikaden befasst, einer überaus wichtigen Unterordnung der Insekten. Sie gehören zur Ordnung der so genannten Schnabelkerfe (Hemiptera) und stellen rund 50 Prozent von diesen. Bekanntere Schnabelkerfe sind die stinkenden Baumwanzen, die juckenden Bettwanzen und die Blattläuse, die unsere Rosen so lieben.

Vielen sind die Singzikaden bekannt, die am Mittelmeer zu hören sind, oder jene, die im Sommer zur typischen Geräuschkulisse des japanischen Landraums beitragen. Doch nur wenigen ist bewusst, dass hunderte kleinere Zikadenarten unsere mitteleuropäischen Wiesen besiedeln. Auch der Autor dieser Rezension, ein auf Käfer spezialisierter Biologe, wusste vor der Lektüre nicht besonders viel über sie. Doch obwohl die mitteleuropäischen Zikaden nicht so laut sind wie ihre Verwandten am Mittelmeer, verdienen sie ebenso viel Beachtung. Dieser Band stellt sie sehr gelungen vor.

Tausende pro Quadratmeter

Zikaden und ihre Larven nehmen hierzulande einen wichtigen Platz im Nahrungsnetz ein; sie werden von kleinen Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien gejagt, aber auch von vielen räuberischen Wirbellosen. Sie können grasbewachsene Biotope zu Tausenden pro Quadratmeter besiedeln und fallen dort aufmerksamen Wanderern auf, wenn sie zur Seite springen.

Form, Färbung, Gesänge, Verhalten sind bei Zikaden sehr vielfältig, wie aus dem Naturführer hervorgeht. Mit seinen vielen Abbildungen macht er den Einstieg ins Thema zum Vergnügen. Die hohe Qualität der Makrofotografien erleichtert es, die häufigsten Zikadenarten der deutschsprachigen Länder zu bestimmen. Der ausführliche Einführungsteil schafft die Grundlagen, um sich mit Morphologie, Evolution und Ökologie der Zikaden vertraut zu machen und ihre Rolle als Beutetiere, Pflanzenfresser und manchmal auch als wirtschaftlich relevante Schädlinge zu verstehen. Die Tiere können sogar als Indikatoren für den Zustand unserer Landschaften dienen.

Der Band, der von vier Experten erstellt wurde, enthält einen leicht verständlichen Bestimmungsschlüssel für die fünfzehn europäischen Zikadenfamilien. Er liefert detaillierte Beschreibungen zu Morphologie, Lebensraum und Verbreitung der häufigsten Arten. Auch im Hinblick auf vorhergehende Werke, etwa das umfassende Bestimmungsbuch »Die Zikaden Deutschlands« (Robert Biedermann und Rolf Niedringhaus, 2004) oder den »Fotoatlas der Zikaden Deutschlands« (Herbert Nickel, Rolf Niedringhaus und Gernot Kunz, 2011), überzeugt das Buch als ausführlicher, schön illustrierter und zudem relativ günstiger Naturführer.

»Die Zikaden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz« richtet sich an alle Naturinteressierten und kann sowohl Laien, Gärtner und Landwirte als auch Entomologen begeistern. Den Autoren ist ein verständliches Werk gelungen, das selbst Biologen noch viel Neues vermittelt. Wer weiß beispielsweise, dass die Entwicklung einer Zikade von einer Woche bis zu 17 Jahre dauern kann? Oder dass Zikaden in der Mythologie des antiken Griechenlands als Symbol für Unsterblichkeit gesehen wurden? Das handliche Buch passt in so gut wie jede Tasche und ist ein nützlicher Begleiter beim nächsten Spaziergang in der Natur.

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