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»Die Zukunft ist endlos«: Kann Meditation mit der digitalen Welt versöhnen?

Meditation und ostasiatische Religionen sollen der Orientierungslosigkeit in einer digitalen Welt begegnen, in der Authentizität unerreichbar scheint.

»Mein Telefon bietet mir mehr Abwechslung als jedes andere Medium in der Geschichte der Menschheit. Selbst hier im Wald ist es schwer, sich den digitalen Eindrücken zu entziehen«, schreibt der Manager, Designprofessor und Sachbuchautor Roland van der Vorst. Das Smartphone liefert Informationen, Bilder und Nachrichten von Bekannten und aus aller Welt, außerdem Filme, Sportereignisse und Spiele. Es organisiert das eigene Leben, kontrolliert die Gesundheit und bietet immer bessere Möglichkeiten an, sich weiter zu optimieren – etwa durch Kontoverwaltung, Bezahlsysteme oder Datingapps.

Van der Vorst ist kein Gegner der digitalen Welt, beschreibt aber auch ihre Gefahren. So werde Optimierungszwang erzeugt, man werde animiert, immer neue Superlative anzustreben, schließlich finden sich in allen Bereichen Rankinglisten, an denen sich viele orientieren. Dann ist da noch die Suchtgefahr – wenn zum Beispiel der Sohn des Autors auf die Aufforderung, endlich mit dem Gaming aufzuhören, mit der Aussage reagiert, dass er nur noch dieses eine Spiel vollenden müsse; aber dann befindet er sich auf dem nächsten Level und »muss« weitermachen. »Wir spielen mehr denn je, aber es scheint, als würden wir weniger spielerisch.«

Prozesse, die kein Ende finden

Die analoge Welt sei durch die Produktion von Gütern gekennzeichnet, die verkauft und konsumiert werden, also einen Prozess mit Anfang und Ende. Die digitale Welt kenne solche Abschlüsse nicht, jede Handlung werde zum Teil einer nicht enden wollenden Kette. An die Stelle einer Endlichkeit der Welt trete deren Endlosigkeit. Politisch habe das die Konsequenz, dass kaum noch große Ziele verfolgt werden, sondern Verantwortliche nur noch pragmatisch handeln, den nächsten Schritt überlegen. Das nennt van der Vorst »Durchwursteln«, und das mache die Politik unpopulär: »Die Fixierung auf den kleinen Schritt weckt ein Bedürfnis nach dem großen Knall, der allem ein Ende setzt.«

Mehr noch als um die politische Ebene geht es van der Vorst um die Situation des Einzelnen im digitalen Zeitalter. Bis Mitte der 1950er Jahre bestimmten traditionelle Vorstellungen das Leben der Menschen. Sie erfüllten ihre sozialen Rollen: Sohn, Soldat, Angestellter, Familienvater, Diener Gottes. Frauen waren Hausfrauen. Die Rollen verliehen die Identitäten. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lösten sich dann viele aus diesen Traditionen und begaben sich auf die Suche nach ihrer eigenen, authentischen Persönlichkeit. Diese Suche nach dem wahren, konstanten Selbst war von Anfang an mühsam – und sie scheiterte, so der Autor, letztlich mit dem Aufkommen der digitalen Welt. Das Ich werde zum Prozess.

Zen und Digitalisierung

Denn im Internet könne man so etwas wie ein wahres Selbst gar nicht präsentieren. Man zeige bestenfalls ein Profil, das durch Reaktionen anderer beeinflusst wird, auf die man dann wieder reagiere, so dass man endlos an seiner Präsentation bastele. Das Selbst verliere seinen harten Kern (sofern es je einen hatte). Ständig bieten einem die diversen Apps Optimierungsperspektiven an, eine bessere Ehe, einen besseren Beruf, einen besseren Sport.

Doch so dramatisch, wie es zunächst erscheint, müsse sich diese Entwicklung gar nicht auswirken. Denn nach van der Vorst gibt es in den asiatischen Religionen uralte Traditionen und auch Praktiken, mit denen man den Herausforderungen der digitalen Welt begegnen kann – auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Vor allem Meditation könne in einen geistigen Zustand versetzen, der in den ostasiatischen Religionen als eine Erweiterung des Bewusstseins gilt und gerade nicht die Haltlosigkeit bedeutet, in die wir durch die digitalen Endlosigkeiten abzugleiten scheinen. Ein stabiles Selbst, die Sehnsucht des aufgeklärten Europas, wird hier aufgegeben zugunsten des meditativen Gefühls, mit der Welt im Einklang zu sein.

Diesen Zustand erreiche man, indem man die im Westen herrschenden Welterklärungen als unzulänglich erkenne und die Endlosigkeiten der digitalen Welt als deren Aufhebung annehme. Auf diese Weise könne man sich wieder, argumentiert van der Vorst, im Einklang mit dem Universum fühlen, zu dem auch die digitale Welt gehört; man spiele dann nicht mehr nur endlos, sondern werde wieder spielerisch. So endet das Buch mit den Worten: »Ich habe in diesem Buch die Übungspraxis des Zen als Gegenmittel gegen die Auswüchse der Digitalisierung präsentiert, vielleicht kann aber auch die Digitalisierung eine Zen-Erfahrung bieten.«

Van der Vorst will also die emanzipatorischen Bestrebungen der Neuzeit und insbesondere des 20. Jahrhunderts für beendet erklären – und damit die großen Errungenschaften der Moderne – und den Menschen wieder in eine religiöse Praxis zurückbinden. Sie erlaube es ihm, die neuesten technologischen Entwicklungen zu nutzen, anstatt ihnen nur ausgeliefert zu sein. Sein Ziel ist nicht weniger als eine Vermittlung von Religion und Digitalisierung.

Es handelt sich also insgesamt um einen missionarischen Text, dem man als solchem nicht folgen muss. Trotzdem ist das Buch empfehlenswert, denn man kann in ihm etwas über ostasiatische Religionen lernen – und nach der Lektüre vielleicht auch das eigene Verhalten im digitalen Raum etwas genauer betrachten.

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