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Schöne neue Quantenwelt

Aus der heutigen Technik ist die Quantenphysik nicht mehr wegzudenken. In der Zukunft könnte sie unser Leben radikal verändern, schreibt Buchautor Lars Jaeger.

Zwei Seelen wohnen, ach! in Jaegers Brust. Zum einen ist da der promovierte Physiker, der auf dem Gebiet nichtlinearer dynamischer Systeme geforscht hat, zum anderen der Finanzunternehmer und Hedgefonds-Analytiker. Beide Seelen zusammen bilden einen äußerst agilen Blogger und Sachbuchautor, der aktuelle Trends analysiert und in die Zukunft zu extrapolieren sucht. Im vorliegenden Werk prognostiziert er eine »zweite Quantenrevolution«, aus der »neue Supertechnologien« hervorgehen sollen.

Von nicht wenigen Autoren, die aus der rasanten Entwicklung von Wissenschaft und Technik wahlweise auf eine rosige Zukunft schließen oder den baldigen Untergang der Menschheit vorhersagen, unterscheidet sich Jaeger vorteilhaft durch solides Wissen über Quantenphysik. Zwar schwelgt er in der typischen Übertreibungsrhetorik, mit der Vortragende bei Managerseminaren um die Aufmerksamkeit schläfriger Zuhörer buhlen, aber die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelegten Grundlagen der »ersten Quantenrevolution« stellt er sehr kompetent dar.

Moderner Alltag dank Quantentunneln

Wie Jaeger hervorhebt, nutzen die heute den Alltag beherrschende Mikroelektronik und Computertechnik viele exotisch anmutende Phänomene der Mikrowelt, unter anderem den Tunneleffekt. Dass Ladungsträger Potenzialbarrieren, die gemäß klassischer Physik unüberwindlich wären, quantenmechanisch »durchtunneln« können, ermöglicht beispielsweise fortgeschrittene Transistoren und Datenspeicher.

Den Ausgangspunkt einer gerade beginnenden »zweiten Quantenevolution« sieht Jaeger vor allem im Phänomen der so genannten Verschränkung, die das Schicksal quantenmechanisch entsprechend präparierter Mikroteilchen über makroskopische Distanzen hinweg zu verknüpfen vermag. Darauf beruhen Prototypen künftiger Quantencomputer sowie erste gelungene Versuche, Daten mittels verschränkter Photonen absolut abhörsicher über große Entfernungen zu übertragen.

Während dem Autor seine Physikerseele bei der bündigen Darstellung quantenmechanischer Zusammenhänge gute Dienste leistet, lässt ihm seine zweite Seele – die des dynamischen Unternehmers – beim Ausmalen der schönen neuen Quantenwelt arg die Zügel schießen. Zwar ist nach einem berühmten Diktum des Sciencefiction-Autors Arthur C. Clarke »jede hinreichend fortgeschrittene Technologie nicht mehr von Magie zu unterscheiden«. Daher sind der Vorstellungskraft bei futurologischen Prognosen kaum Grenzen gesetzt – solange es sich um technologische Vorhersagen handelt. Hier sollte man Jaegers blühende Fantasie gar nicht kritisieren.

Anders sieht es freilich aus bei den wirtschaftlichen und allgemeingesellschaftlichen Folgen technischer Innovationen. Da outet sich der Autor als naiver Technikoptimist. Bald, so Jaeger, werde es einen »Quanten-3-D-Drucker« geben, mit dem man einzelne Atome »auf Knopfdruck oder gar per Gedankensteuerung nahezu beliebig anordnen« kann. Damit »wird jeder unmittelbar das haben, was er sich gerade wünscht. Wenn es keinen Mangel an Gütern und Ressourcen mehr gibt«, zeichne sich eine Wirtschaftsform ab, »in der Besitz nicht mehr zählt«. Worauf die rhetorische Frage folgt: »Wären dann alle Menschen wirklich sozial gleichgestellt?«

Gegen den utopischen Techno-Kommunismus, der automatisch das Geld abschafft, weil alles Open Source ist, spricht schon die einfache Beobachtung, dass jede neue Technologie zunächst exklusiv ist. Oft wird sie geheim in Militärlabors entwickelt, und wenn sie auf den Markt kommt, dann zu hohen Preisen. Technik ist nicht von sich aus demokratisch. Meist verschärft sie sogar den Gegensatz von Besitzenden und Habenichtsen.

Jaeger bemerkt am Ende selbst, dass sich neue Technologien nicht einfach idealtypischen Marktmechanismen unterordnen, sondern eher die Entstehung wirtschaftlicher Monopole fördern – man denke nur an Google oder Facebook. Deshalb fordert er: »Die ethische Bewertung und politische Gestaltung zukünftiger Technologien muss über die kommerziellen oder militärischen Interessen einzelner Personen, Unternehmen oder Staaten hinausgehen.« Das ist schön gesagt, lässt aber entscheidende Randbedingungen der angekündigten Quantenrevolution im Unklaren.

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