»Digital Erwachsen«: Eine Streitschrift gegen die KI-Pandemie
»Ein Auto hat keine Seele, ein Computer keinen Verstand. Alles andere ist ein Aberglaube, der auf der gleichen Stufe steht mit Marienerscheinungen«, schreibt der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter in seiner Streitschrift wider den Hype um die KI und die damit verbundene Entwertung der menschlichen Intelligenz.
Lotter räumt mit vielen Mythen rund um Digitalisierung und KI auf. Er schildert die technologische Entwicklung der letzten 200 Jahre knapp und gut verständlich. Dabei erfährt man auch, dass die Bezeichnung »künstliche Intelligenz« 1956 anlässlich einer Tagung in Dartmouth erfunden wurde – um Geldgeber für die Veranstaltung zu gewinnen.
Die KI funktioniert, aber denkt nicht
Der größte Mythos steckt laut Lotter im Wort »Intelligenz«. Algorithmen und KI seien weder intelligent noch dächten sie. KI funktioniere dadurch, dass sie in rieisge Datenmengen Muster lege und diese miteinander vergleiche. Klüger und reflektierter sei die natürliche Intelligenz, die menschliche. Denn »menschliches Lernen überwindet Muster«, so Lotter, »maschinelles Lernen besteht daraus«. Zudem hat der Mensch einen Willen, die KI nicht. Der Mensch zweifelt, die KI nicht. Der Mensch bleibt dabei unberechenbar – die KI auch, aber nur deswegen, weil selbst ihre Ingenieure nicht wissen, was in den Großrechenanlagen genau passiert.
KI funktioniere, wenn sie auf Anfrage das Rezept zum Eierkochen ausspucke, obwohl sie sich gar nicht vorstellen könne, was sie da anstellt. Nur wenn der Benutzer das Gelieferte verstehe, habe die KI funktioniert. Lotter konstatiert: »Menschliches Denken ist Automaten immer überlegen.«
Der Autor ist überzeugt: Wenn sich Menschen von der KI beliefern lassen, werden sie selbst nicht schlauer, sondern dümmer, werden sie zu entmündigten Verbrauchern, zu denen die IT-Konzerne sie auch machen wollten: »Die Helden der Technokratie haben ein bedenkliches Menschenbild.« Wer seine Fragen und Probleme nicht selbst durchdenke, lerne nicht dazu, sondern verliere jegliche Kreativität und Selbstständigkeit.
Machtkonzentration bei Tech-Giganten
Durch geschickte Werbestrategien zögen die IT-Konzerne alle Aufmerksamkeit auf ihre Angebote, gedankenlos und unkritisch glaubten die derart Manipulierten den jeweiligen Slogans. Das gefährde die Demokratie – denn, so Lotter: »Noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren so viel Reichtum, politischer Einfluss und Macht in nur einer einzigen Branche konzentriert.«
Aber nicht nur Konsumenten gingen den Mythen dieser Branche auf den Leim, noch mehr die Wirtschaft, die der Propagandabotschaft folgte: Durch Digitalisierung und KI ließe sich die Produktivität steigern. Dafür gebe es, so Lotter, keinen »validen Beweis«, dennoch würden Unsummen in die Digitalisierung investiert.
Auch der Staat erliege diesem Mythos. Politiker forderten pressewirksam Digitalisierung, was weder dem Staat noch den Menschen nachhaltig diene: »Wir haben erkannt, dass die Digitalisierung vor allen Dingen die reich macht, die sie nach Kräften und mit viel Marketing betreiben, und dass die Idee, Bürokratisierung mit Digitalisierung zu bekämpfen, mehr von dem schafft, was sie zu beseitigen vorgibt.« Die Regierungen sollten der Digitalisierung daher Einhalt gebieten, so Lotter.
Die Digitalisierung könne man so wenig wie die KI für einen Fortschritt halten. So würden Probleme wie die von Umwelt und Klima nicht gelöst, das könnten nur die Menschen selbst. Doch dieser Weg erscheint Lotter heute bereits verbaut, weil man das Denken der Menschen desavouiere: »Das Primat der natürlichen Intelligenz beruht auf der Unantastbarkeit der Würde des Menschen, auf unbedingtem Respekt. Mensch vor Maschine. Heute ist es umgekehrt.« Daher müssten, so Lotters Forderung, die Menschen »Digital Erwachsen« werden.
So ist das Buch eine erfrischend kritische Stimme in der momentanen KI-Pandemie. Freilich wünscht man sich an entscheidenden Stellen, die provokanten Argumente würden etwas ausführlicher begründet. Aber allemal richtig ist: »Die KI auf unserem Smartphone ist so wenig intelligent, wie die ›Alpenmilch‹-Schokolade von der Alm kommt. Beide fallen vom Fließband.«
Damit ist das Buch sehr empfehlenswert, wenn auch mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.
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