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»Digitaler Kolonialismus«: Per Glasfaser zur Weltherrschaft

Der technologische Fortschritt hat Auswirkungen, die koloniale Züge annehmen – so die These von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig. Ihre Argumentation überzeugt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Kolonialismus als »die Ausdehnung der Herrschaftsmacht europäischer Länder auf außereuropäische Gebiete mit dem vorrangigen Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung.« Zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert fand diese Ausdehnung vorrangig über militärische Eroberungen statt. Im sogenannten postkolonialen Zeitalter – seit Mitte des 20. Jahrhunderts – wird diese Macht eher über wirtschaftliche Abhängigkeiten ausgeübt. Nominell eigenständige Staaten etwa in Afrika werden beispielsweise dadurch de facto kontrolliert, dass sie im Gegenzug für das Versprechen von Wirtschaftshilfen Lizenzen zur Ausbeutung ihrer Rohstoffvorkommen erteilen.

»Digitaler Kolonialismus« argumentiert, dass auch das Internet und generell technologisch bestimmte Sphären inzwischen einer ähnlichen Logik folgten. Techjournalist und Kommunikationswissenschaftler Ingo Dachwitz und der Jurist und Globalisierungsexperte Sven Hilbig befürchten daher das Scheitern der Hoffnung, das Internet könne die Kommunikation und den Informationsfluss insgesamt demokratisieren.

Nach einer Einleitung befasst sich das Autorenduo in sieben Kapiteln mit verschiedenen Bereichen, in denen es koloniale Strukturen ausmacht, darunter Arbeitskraft, Rohstoffwirtschaft, Datensammlung und Geopolitik. Die politische Sphäre wird unter anderem am Beispiel des »dritten Wegs« erörtert; er bezeichnet den europäischen Versuch, durch Regulation einen Weg zwischen ultraliberaler US-Technokratie und dem chinesischen autoritären Tech-Kapitalismus zu beschreiten. Zwar loben die Autoren den Ansatz, einen Spagat zwischen Regulierung und Innovationsförderung zu bewerkstelligen, auch weil dadurch viele wegweisende Gesetzgebungen (nicht zuletzt die DSGVO) entstanden seien. Sie kritisieren aber auch, dass ausländische Einflussnahme hinreichend nicht unterbunden werde. So seien etwa die KI-Start-ups »Mistral AI« aus Frankreich und »Aleph Alpha« aus Deutschland auf Rechenkapazitäten angewiesen, die unter US-amerikanischer Kontrolle stünden – was das gewünschte »level playing field«, also die Wettbewerbsgleichheit, unter den aktuellen Begebenheiten von vornherein illusorisch erscheinen lasse.

Die Macht der Lüge

»Digitaler Kolonialismus« widmet sich zwar komplexen Zusammenhängen, wird dabei aber auch immer wieder anschaulich. So schildern die Autoren auch die Schicksale von Menschen, die von den beschriebenen Mechanismen direkt betroffen waren und sind. So das von Meareg Amare Abrha, einem äthiopischen Professor. Er wurde infolge von Lügen, die über ihn auf Facebook verbreitet worden waren, von einer paramilitärischen Vereinigung ermordet. Sein Sohn berichtet, dass besagte Posts, die ihm die Unterstützung einer anderen, mit den Mördern verfeindeten Gruppe unterstellten, erst eine Woche nach seinem Tod gelöscht wurden. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Facebook gerade mal sechs Faktenchecker, die dafür zuständig waren, die Inhalte auf ihre Richtigkeit zu prüfen, die in den Landessprachen des 128 Millionen Einwohner zählenden Staates verfasst wurden.

Dachwitz und Hilbig legen ein starkes Werk vor, dem die Gratwanderung zwischen dem Vermitteln von Fakten und ihrer Bewertung aus ethisch-moralischer Sicht perfekt gelingt. Der klare Stil, der selbst bei der Darstellung abstrakter Zusammenhänge immer angenehm lesbar bleibt, überzeugt ebenfalls. Zudem ergeht sich das Buch keineswegs in Schwarzmalerei: Seinen Abschluss bildet ein überaus optimistisches Nachwort, das skizziert, wie eine Welt ohne digitalen Kolonialismus aussehen könnte. Die Botschaft der Autoren: Sie ist möglich.

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