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Buchkritik zu »Düfte - Signale der Gefühlswelt«

Es ist ein Segen, dass es "Senioren", "Nestoren", "Altmeister" gibt, die ihre gesammelte Erfahrung, aber auch neue Ergebnisse zu formulieren wissen und willens sind, sie nicht nur der Zunft zur Verfügung zu stellen, sondern der Zukunft ihres Fachs und dem Spürsinn des weiteren Publikums. Es ist aber auch ein Segen, dass sich Verleger finden, die ihr Bestes tun, es in Prachtform anzubieten. Der Glücksfall ist hier zusammengetroffen zu einem Buch, das sich sehen und lesen lässt, das zugleich sachliche Wissenschaft und ästhetische Augenweide ist, geboten von dem Mann, der als Duftstoffchemiker, Sammler und Stilist internationales Ansehen genießt und nun auf seinem Ruhesitz nicht Ruhe pflegt, sondern immer "unterwegs" ist.

Die Faszination der Düfte ist von Dichtern oft in Versen und Romanen, vom Volksmund in drastischen Ausdrücken und Vergleichen, von Denkern in Parabeln und Paradoxen beschrieben und von den Parfümeuren zu einer blühenden Industrie gemacht worden, wobei die Chemiker tüchtig nachgeholfen haben und nach den Biochemikern nun die Informatiker zum planenden Zuge kommen wollen. In diesem neuen Buch präsentiert Günther Ohloff (fast) alles, das unter dem Stichwort "Geruch(ssinn)" oder "Parfüm" in die Kulturgeschichte, die poetische Anekdote, die Wissenschaft (sie wurde mit dem letztjährigen Physiologie-Nobelpreis für Linda Buck und Richard Axel: "Kombinatorischer Rezeptor-Code des Geruchssinns" markiert!), in Handel und Kommerz eingegangen ist.

Er scheut sich nicht, noch Provisorisches auszusprechen und dadurch auf neue Wege und Ziele hinzuweisen, aber bringt vor allem das in Kunst und Forschung Dokumentierte: viele Portraits von Protagonisten in Dichtung, Deutung und Forschung; dazu meist charakterisierende Bilder aus Museen und Sammlungen, aus Reklame und Parfümindustrie, aus der praktischen und planenden Anwendung. Man kann lesen oder blättern und wird immer weiter geleitet durch die Schönheit der Aufmachung und die Aktualität des Textes – wenn man nicht durch die nicht ganz seltenen Druckfehler ärgerlich aufgehalten wird.

Die ersten Kapitel befassen sich mit Chemie und Physiologie der Düfte. Darauf folgt die Psychophysiologie des Riechens und des Geruchsgedächtnisses sowie schließlich – denn wozu dienen die Duftstoffe und haben einen solchen ökonomischen Wert? – zur Erotik der Gerüche und dem Fortpflanzungsgeschäft bei Tier und Mensch. Weshalb aber die meisten Duftstoffe aus der Pflanzenwelt stammen, die selbst kaum Gebrauch davon macht – das wird nicht beantwortet. Moschus und Nitromoschus, Kunstparfüms und Retortensprays sind allerdings heute stärker im Betrieb – und scheußlich für die altvorderlich-ästhetische Nase. Aber das ist ein anderes, ein weites Feld. Der Ur-Kenner beackert es hier nicht weiter.

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  • Quellen
BioSpektrum 1/2006

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