»Ein Date mit deinem Gehirn«: Das Gehirn und die Affenhoden
Seit Ende der 1990er Jahre präsentiert die Serie »Galileo« in mittlerweile fast 8000 Folgen auf ebenso oberflächliche wie unterhaltsame Weise Themen aus Astronomie, Physik, Biologie oder auch den Neurowissenschaften. Wer diese Art des Infotainments in Buchform und zum Thema Neurologie erleben möchte, wird beim Neurowissenschaftler und Keynote-Speaker Damir del Monte fündig.
In »Ein Date mit deinem Gehirn« möchte uns der Autor das vielleicht rätselhafteste menschliche Organ näherbringen: das Gehirn. In 20 kurzen Kapiteln – eingerahmt von Vor- und Schlusswort – behandelt er etwa die evolutionär bedingte Verfasstheit unseres Denkens, neurologische Systeme wie das Belohnungssystem oder die große Bedeutung von Narrativen für unser Gehirn. Aus dem sehr blumigen Vorwort wird noch nicht klar, wohin die Reise geht, also lässt man sich zunächst von der stark metaphorisch geprägten Sprache tragen. Bald wird klar, dass es sich hier um eine Einführung zu unserem Denkorgan handelt, deren zentraler und durchaus interessanter Gedanke ist: Das Gehirn funktioniert gleichzeitig als neurobiologische Maschine wie als Organ des sozialen Handelns und Fühlens.
Das soziale Gehirn
Während die Kapitel, in denen es um den experimentell belegten Teil der Wissenschaft geht, wenig Überraschungen bieten, sind vor allem die Abschnitte lesenswert, die das menschliche Zusammenleben betreffen. In einem von ihnen stellt der Verfasser das von ihm selbst entwickelte Persönlichkeitsmodell vor, das ein Schaubild im Buchdeckel illustriert. Es setzt differenzierende Kategorien wie ›Wechsel/Dauer‹ oder ›Nähe/Distanz‹ ein, greift auch pathologische Phänomene wie Narzissmus, Sucht oder Depression auf und bringt diese mit Ungleichgewichten der Neurotransmitter in Verbindung. Allerdings formuliert der Autor gleich selbst eine ganze Reihe von Einschränkungen zu Gültigkeit und Anwendbarkeit seines Modells, sodass man zu dem Schluss kommt: Einen wirklichen Mehrwert zum Verständnis der im Buch angerissenen Themen liefert es nicht.
Sind wir monogam oder polygam?
In einem weiteren, durchaus unterhaltsamen Kapitel geht der Autor der Frage nach, ob der Mensch von Natur aus mono- oder polygam ist. Hier stützt sich del Monte auf eine Erkenntnis aus der Verhaltensbiologie: Männchen von Menschenaffen, deren weibliche Exemplare eher treu sind, haben im Verhältnis zur Körpergröße kleine Hoden, etwa Gorillas. Bei Schimpansen, die zur sexuellen Freizügigkeit neigen, beobachtet man dagegen große Hoden. Der Mensch ist in dieser Hinsicht eher mittelmäßig, weswegen der Autor vermutet: Der Mensch an sich ist eher monogam, aber mit Neigung zur Polygamie.
Während diese These wissenschaftlich gut belegt ist, rutscht die anschließende Ergänzung zu sozialen und kulturellen Aspekten des Paarungsverhaltens ins Kitschige ab: »Dort, wo Vertrauen und Resonanz wachsen, […] kann sich Sexualität zu etwas entwickeln, das über den bloßen Akt hinausgeht […]. Wo nicht nur zwei Körper zueinander finden, sondern wo zwei Seelen für einen Augenblick eins sind.« Auch der konservativ-biedere Unterton, der bisweilen bei diesem Thema mitschwingt, könnte einige Leser befremden: »[…] mit dem liebsten Menschen Leben zu zeugen, ist elektrisierend und erfüllend zugleich.«
Der Aussage, dass solche Passagen mit »erzählerischer Wucht« überzeugen, wie es der Klappentext verspricht, kann man eher nicht zustimmen. Allzu oft landet der Autor sprachlich bei seichtem Kitsch und abgeschmackten Metaphern – die auch dann nicht zum Verständnis des Gesagten beitragen, wenn sie typografisch hervorgehoben werden. Wer sich aber von diesem bisweilen doch sehr blumigen Stil und einigen Plattitüden nicht abschrecken lässt, kann sich wie im Infotainment-Klassiker »Galileo« gut aufgehoben fühlen, in dem Moderator Aiman Abdallah regelmäßig fragt: »Was steckt wirklich dahinter?« Dass »Ein Date mit deinem Gehirn« auf diese Frage aus neurowissenschaftlicher Sicht tatsächlich einige spannende Antworten liefert, spricht für dieses Buch.
PS: Für alle, die des Trendbegriffs »KI« müde sind: Auch wenn der Untertitel eine Auseinandersetzung mit der sogenannten KI verspricht, wird diese höchstens am Rande erwähnt.
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