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Buchkritik zu »Ein Garten für die Ewigkeit«

Was uns heute die Pflanzenfotografie, war bis ins frühe 19. Jahrhundert die naturgetreue Pflanzenillustration. "Zeichnen ist Wissenschaft", hatte Leonardo da Vinci formuliert. Unter den großen Pflanzenmalern sind neben Claude Aubriet (1665–1742), den Brüdern Pierre-Joseph (1759–1840) und Henri-Joseph Redouté (1766–1852) in Paris sowie dem Heidelberger Georg Ehret (1708–1770), der hauptsächlich in London arbeitete, vor allem die Brüder Joseph (1756–1831), Franz (1758–1840) und Ferdinand (1760–1826) Bauer zu nennen. Franz arbeitete seit dem dreißigsten Lebensjahr als botanischer Illustrator an den Royal Botanic Gardens in Kew bei London. Ferdinand, der als "Leonardo der naturwissenschaftlichen Illustration" bezeichnet wird, begleitete von England aus als Illustrator den Botaniker Robert Brown (1773–1858) auf eine Australien-Expedition und verbrachte schließlich seinen Lebensabend in der Nähe des Hofgartens von Schönbrunn. Joseph wurde nach einem längeren Aufenthalt in Rom Kammermaler der Familie Liechtenstein in Wien.Es ist das Verdienst von H. Walter Lack, Direktor am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem, den frühen Werken der Brüder Bauer nachgespürt zu haben. Ihr erster Förderer war der Ordensmann und Arzt Norbert Boccius (1729–1806), Prior des Konvents der Barmherzigen Brüder in ihrer Heimatstadt Feldsberg (heute Valtice) in Südmähren, der als begeisterter Botaniker neben seinem Herbarium einen hortus pictus, einen gemalten Garten oder ein Florilegium, anlegen wollte.Um 1770, als Joseph 14, Franz 12 und Ferdinand Bauer 10 Jahre alt waren, begannen die drei Brüder, eine "illuminierte Sammelhandschrift auf Papier in 14 Bänden im Format 35¥30 cm" als "Liber regni vegetabilis" (Buch des Pflanzenreichs) zu gestalten. Die Pflanzendarstellungen der Bände 1–6 sind ausschließlich, die der Bände 7–9 größtenteils von den Brüdern Bauer angefertigt worden. Auf 2748 Abbildungen werden etwa 3100 Pflanzen aus fünf Kontinenten dargestellt. Die unter der Anleitung von Boccius entstandene "Flora universalis" enthält die natürliche Vegetation Mährens und Niederösterreichs, schon lange in Kultur befindliche Nutz- und Zierpflanzen und nicht zuletzt solche Arten, die erst im 18. Jahrhundert nach Europa gelangten und in Gewächshäusern in Kultur gehalten wurden.Die anfangs sehr jungen Illustratoren haben den gesamten Arbeitsvorgang allein und ohne Assistenten bewältigt. Eindrucksvoll ist das Kapitel über die einzelnen Arbeitsschritte bei der Herstellung der Farbtafeln. Die Vollendung eines einzigen Aquarells dauerte im Durchschnitt eine Woche. Von den Pflanzen wurden Graphitstiftzeichnungen mit Licht und Schatten angefertigt, die Farben durch Zahlen von 1 bis 140 verschlüsselt am Rand des jeweiligen Pflanzenteils notiert. In späteren Jahren verwendete Ferdinand Bauer noch wesentlich genauere Farbcodes von 1 bis 999. Als letztes erfolgte die Ausführung der Wasserfarbenmalerei und die Beschriftung mit dem Pflanzennamen. Ausführlich wird die komplizierte Herstellung der Pigmente beschrieben. Ein Beispiel: "Der Rothspahn wird mit ein wenig Alaune und Gummi Arabicum in Wasser gekocht, bis es eine dunkelrothe Farbe gibt."Die Brüder arbeiteten jeweils bis zu ihrem Weggang aus der Heimat an dem Florilegium: Joseph bis 1781, Ferdinand bis 1786 und Franz bis 1788. Andere Illustratoren, Jacob Walter und Stanislaus Figenschuh, brachten das Werk schließlich zu Ende, erreichten allerdings nicht die Qualität der Bauers. Zum Codex Liechtenstein wurde das Werk, als Boccius es dem Fürsten von Liechtenstein schenkte, der im Gegenzug das Spital unterstützte.Die einzige zeitgenössische Beschreibung des Codex Liechtenstein, im Tagebuch von John Sibthorp (1758–1796, Professor der Botanik an der Universität Oxford), preist das Werk bereits in den höchsten Tönen: "Die Sammlung von Boccius … ist die herrlichste derartige Arbeit, die vielleicht existiert, … und die Doldenblütler werden wahrscheinlich hinsichtlich der Genauigkeit und Eleganz der Zeichnung unerreicht bleiben."Seit der Fertigstellung um 1805 aufbewahrt in der Fideikommissbibliothek der Fürsten von Liechtenstein in Wien, wurde der Codex 1944 zunächst zusammen mit dem immensen Kunstbesitz der Familie Liechtenstein in Bergwerken im Salzkammergut ausgelagert und gelangte 1945 über die Insel Mainau und Bregenz nach Liechtenstein. Heute wird er im katastrophensicher ausgebauten Bergfried des Schlosses von Vaduz aufbewahrt; bisher ist er nicht ausgestellt worden, und seine wissenschaftliche Bearbeitung steht noch aus.Im vorliegenden Band sind aus dem umfangreichen Werk 75 Pflanzenabbildungen, 13 Titelblätter, einige Gebäude, Gartenansichten und Landschaftsbilder zu finden. Die in einem vorzüglichen Druck wiedergegebenen Pflanzenabbildungen machen dieses Buch zu einem Prachtband. Der exzellente 120-seitige Textteil stellt die Entstehung des Werkes in einen breiten kulturhistorischen Rahmen.Das Buch ist eine bibliophile Kostbarkeit, zu der man dem Autor und dem Verlag gratulieren kann und die man sich leisten sollte!

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  • Quellen
Spektrum der Wissenschaft 04/01

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