»Ein Jahr in der Natur«: Die Zyklen der Natur erleben
Menschen sind zyklische Wesen. Auch wir sind abhängig vom Lauf der Jahreszeiten und den Veränderungen in der Natur, obwohl wir heute viel Zeit in beheizten und beleuchteten Innenräumen verbringen und uns dabei oft von der Natur abgeschnitten fühlen. Wer wieder eine Verbindung aufbauen möchte, kann zum Beispiel das Buch von Pulitzer-Preisträgerin Josephine Johnson zur Hand nehmen. Dessen Originalausgabe ist bereits 1969 erschienen und gilt als Klassiker des Nature Writing. In ihm hat die 1990 verstorbene Johnson den natürlichen Jahresverlauf so beschrieben, wie sie ihn auf ihrer Farm in Ohio, die sie gemeinsam mit ihrem Mann wieder zur Wildnis werden ließ, beobachtet hatte. »Ein Jahr in der Natur« ist das erfolgreichste Buch der Autorin und wurde nun erstmals von Bettina Abarbanell ins Deutsche übersetzt und von Andrea Wan illustriert.
Der Blick auf Details und das große Ganze
Die Kapitel beginnen jeweils mit einer ausdrucksstarken Zeichnung, die den jeweiligen Monat künstlerisch darstellt. Monat für Monat wird der Leser durch das Jahr geführt und folgt dabei den kleinen und großen Naturbeobachtungen Johnsons. In diese hat sie aber auch immer wieder politische Bezüge und Statements eingeflochten, etwa zur Bewahrung der Demokratie oder zur Sinnlosigkeit des Krieges. Johnson hat Ereignisse skizziert, die sie in der Natur vor ihrer Tür beobachten konnte, und hat diese mit ihrem Innenleben ebenso wie mit dem Geschehen in der Welt verbunden. Auch wenn die Naturbeschreibungen überwiegen, ist es der Autorin gelungen, die Verbindung zu allen anderen Lebensbereichen herzustellen und somit ein großes Ganzes zu entwerfen.
En passant wird so ganz viel Naturwissen vermittelt, etwa dazu, welche Tiere und Pflanzen in den jeweiligen Monaten rund um ihre Farm zu finden waren, oder zum Lebenszyklus eines Marienkäfers. Ein schönes, liebevoll gestaltetes Detail ist auch das Register am Ende des Buchs, in dem für jeden Monat die im Text erwähnten Pflanzen (»Es rankt und raschelt«) und Tiere (»Es wuselt und wühlt«) jeweils mit Seitenverweisen aufgeführt sind.
Dabei ist Wissensvermittlung bei Johnson alles andere als trocken. Ihre Sprache ist lyrisch und bildhaft, der Leser hat das Gefühl, in die Naturbeobachtungen einzutauchen und hautnah dabei zu sein. So spricht die Autorin von enorm lebendig wirkenden »Forsythienfontänen« oder Rotkardinälen, die schrill und fröhlich klingen. Damit gesellen sich zu den vermittelten neben Fakten immer auch Emotionen, die mit den Naturerfahrungen in den einzelnen Monaten verbunden sind – die Begeisterung der Autorin für die Natur springt über.
Jeder Monat hat seine besondere Atmosphäre
Johnson erzählt beispielsweise vom März als windigem Monat, der die Jahreszeit aufbreche und voller Versprechungen sei, vom April, der kalt, grün und nass sei wie wir Menschen, oder von der Fülle des Juni: »Die Essenz des Juni ist der blühende wilde Wein, ist das Geißblatt und sind die Gänseblümchen.« Der November hingegen sei von der Farbe Grau sowie von Verzweiflung und Frustration im Äußeren – »Es gibt keine schrecklichere Farbe als jenes kalte Weiß, dort, wo der Himmel auf den Horizont trifft« – wie im Inneren geprägt (»Stoppt das Töten« und den Krieg). So schieben sich die Ebenen immer wieder ineinander: auf der einen Seite die Naturbeschreibungen, die in ihrer Bildgewalt berühren und ehrfürchtig werden lassen; auf der anderen Seite die Verbindungen zu zentralen Lebensthemen wie Krieg und Frieden, Tod und Leben oder dem Miteinander von Mensch und Natur, die ebenso eindrücklich aufgegriffen werden und für das Buch als Ganzes genauso wichtig sind.
Insgesamt ist dieses Buch ein schöner Begleiter durch das Jahr, macht neugierig auf die Natur und kann dazu beitragen, das Gefühl der Verbundenheit mit ihr neu zu entdecken oder zu stärken.
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