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Brunnen, Blasebalg und Computer

Um sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen, bedient sich der Mensch gern eines Tricks: Er denkt in Metaphern. Und diese werden oft so mächtig, dass man ihren übertragenen Sinn leicht übersieht. Der Journalist Matthias Eckolt zeigt in seiner Geschichte der Neurometaphern, wie sehr sich das Bild des Gehirns im Lauf der Jahrhunderte wandelte – und warum so manches Dogma den Blick auf die Wahrheit versperrte.

Der Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) hielt das Gehirn noch für eine Art Kühlaggregat, welches das von den Leidenschaften des Herzens erhitzte Blut kühle. Der römische Arzt Galenus (129–199) verlagerte unsere Geisteskräfte zwar schon in den Kopf, jedoch sah er in den Hohlräumen des Gehirns, den Ventrikeln, den Hort des Denkens. Galenus unterschied drei solche Höhlen, denen er verschiedene Funktionen zuwies: In der vordersten, zur Stirn hin gelegenen habe die Wahrnehmung ihren Sitz, in der Mitte der Verstand und in der hintersten das Gedächtnis. Diese Kammernlehre hatte fast anderthalb Jahrtausende lang Bestand, nicht zuletzt, weil sie die christliche Trinität von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist spiegelte. Erst der Vater der modernen Anatomie, Andreas Vesalius (1514–1564), zeigte mittels kunstvoller Präparationen, dass das Gehirn in der Tat vier Ventrikel besitzt.

Die Lehre von den Hirngewölben, durch die das Pneuma des »spiritus animalis« ströme, gründete nicht zuletzt auf der antiken Baukunst, deren Zisternen und Brunnen als Vorbild dienten. Erst viele Jahrhunderte später widerlegte der italienische Arzt Giovanni Borelli (1608–1679) die Blasebalg-Theorie, wonach der gasförmige Lebensgeist die Muskeln bei Bewegung aufblähe. Borelli ertränkte zahlreiche Tiere und schnitt ihnen unter Wasser ihre Muskeln auf – von Bläschen keine Spur.

Die Geschichte der Hirnmetaphern ist nicht selten eine Gruselgeschichte. So schreckte man in der Antike selbst vor Versuchen an Strafgefangenen nicht zurück, um den Verlauf der Nervenbahnen zu verfolgen. Inspiriert von der im 19. Jahrhundert aufkommenden Lokalisationslehre, die die geistigen Funktionen in der Großhirnrinde verortete, entfernten Forscher lebenden Versuchstieren wie etwa Hunden nach und nach Teile des Kortex, um die Ausfallerscheinungen zu studieren.

Die Entdeckung Emil du Bois-Reymonds (1818–1896), dass Nerven mittels schwacher elektrischer Ströme kommunizieren, eröffnete ein neues Kapitel: Im Zeitalter der Elektrophysiologie stellte man sich das Gehirn als einen elektrochemischen Apparat vor, den man alsbald entschlüsselt haben werde. Ein mechanistisches Zerrbild, das in der noch heute beliebten Computer-Metapher fortlebt.

Leider widmet der Autor der Gegenwart nur wenige Seiten. Zwar erweise sich, wie Eckolt betont, die Gültigkeit heutiger Neurometaphern erst im Rückblick. Gleichwohl meint er, das Gehirn werde "wie das Internet gewesen sein". Von dieser Chiffre für die hochgradig vernetzte neuronale Verarbeitung ist freilich nur ganz am Ende in zwei Sätzen die Rede. Zuvor geißelt Eckolt überzogene Erklärungsansprüche des Neuroimaging, Zweifel am freien Willen und die Simulationsträume des Human Brain Project als bloßes Forschungsmarketing. Ein schlüssiges Bild der modernen Neurowissenschaft ergibt das nicht.

Natürlich steht die Hirnforschung auch keineswegs, wie Eckolt am Ende resümiert, "mit leeren Händen da". Trotz aller Moden und Übertreibungen haben wir ungemein viel gelernt, und die Funktionsweise des Gehirns ist dem Internet zumindest ähnlicher als den römischen Zisternen. Sei’s drum. Das Buch ist eine lehrreiche Parforcetour durch die Geschichte der menschlichen Selbsterkenntnis.

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