Direkt zum Inhalt

»Eine unerzählte Geschichte der Antike«: Was wir von den Schmelztiegeln am Ende der Welt lernen können

Mit Owen Rees begibt sich der Leser an die Ränder antiker Weltreiche. Rees zeigt, dass sich gerade hier auch für die Gegenwart wertvolle Erkenntnisse gewinnen lassen.

Sagen Ihnen Olbia Pontica, Volubilis oder Taxila etwas? Alle drei waren antike Städte. Sie befanden sich am Rande von Weltreichen und gehörten nicht unbedingt zu den wichtigsten Protagonisten der Weltgeschichte oder der historischen Geopolitik. Unterschätzen sollte man ihre Bedeutung dennoch nicht. Denn diese Orte haben gerade wegen ihrer Randlage spannende Entwicklungsgeschichten vorzuweisen, in denen die Einflüsse unterschiedlichster kultureller Strömungen nachvollziehbar werden. Erzählt werden diese Geschichten von Owen Rees, der an der Birmingham Newman University lehrt. Er nimmt seine Leser mit auf eine Zeitreise zu dreizehn solcher – teilweise schon fast vergessener – Orte des Altertums.

Der lange Schatten Roms

Nehmen wir als Beispiel Volubilis. Die Stadt entstand im heutigen Zentralmarokko, in der Antike lag sie in der Provinz Mauretanien. Sie geht zurück auf eine Siedlung der Karthager aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., die damit just zu einer Zeit entstand, als die Karthager im Mittelmeerraum mit den Römern die wegweisenden Punischen Kriege führten. Um das Jahr 33 v. Chr. kam Volubilis unter römische Herrschaft. Aus dieser Zeit stammen heute die meisten Überreste, wie etwa ein großes Fußbodenmosaik, das die zwölf Heldentaten des Herkules erzählt. Eine Szene darauf zeigt Herkules im Kampf mit Antaios. Der Halbriese herrschte der Sage nach in der Region um Volubilis. Er war der Sohn des Meeresgottes Poseidon und der Gaia, der Mutter Erde. Herkules konnte ihn nur besiegen, weil er ihn vom Boden fernhielt. Denn seine Mutter verlieh ihm immer neue Kräfte, sobald seine Füße die Erde berührten. Herkules hob den Halbriesen also in die Luft und erdrückte ihn.

Läuft man heute durch Volubilis, entdeckt man vorwiegend Spuren des römischen Einflusses. In ihrer Blütezeit als römische Provinzstadt beherbergte sie, so der Autor, rund 12 000 Menschen. Heute findet man hier die Ruinen von Aquädukten, Brunnen und Bädern. Im Jahr 217 n. Chr. wurde sogar ein Triumphbogen zu Ehren des römischen Kaisers Caracalla errichtet. Volubilis gehört heute zum UNSECO-Weltkulturerbe. Die Stadt ist ein gutes Beispiel für einen Ort am Rande eines Weltreichs, der wenig homogen war und an dem persönliche, kulturell geprägte Identitäten nicht verschwanden, nur weil die politische Macht wechselte, schreibt Rees. So lebte in Volubilis die römische Kultur auch nach dem Untergang des Weströmischen Reichs noch weiter, etwa in Form literarischer Inschriften aus dem 6. und 7. Jahrhundert, die das römische Kalendersystem verwendeten. Der Schatten Roms lag also noch lange auf dem Ort.

Kulturelle Vielfalt am Rande der Reiche

Wie viel man heute über solche Städte an der Peripherie antiker Weltreiche weiß, hängt stark von den Interessen der Archäologen ab, die sich mit den jeweiligen Epochen beschäftigen, merkt Rees an. So dürfte es nicht leicht gewesen sein, das Wissen über diese Orte zusammenzutragen und stimmig in einem Buch zusammenzufassen, wie es dem Autor in diesem Werk gelungen ist. Owen Rees plädiert dafür, eben jene in der Geschichtsschreibung weniger prominent vertretenen Orte als einzigartige Ausdrucksformen kultureller Identität wahrzunehmen und zu würdigen. Gerade in den Abweichungen von den Normen der Machtzentren, die sich hier weit ab von ihnen halten konnten, zeige sich, was für die Menschen wichtig gewesen sei, schreibt Rees weiter. Viele dieser Orte ermöglichten eine Interaktion und Verschmelzung von Kulturen, obwohl sie mitunter gar keine richtige Vorstellung voneinander hatten.

Diese Erkenntnis lasse sich durchaus auf die Gegenwart und ihren Umgang mit Geschichte übertragen, meint Rees. Denn gerade im Zeitalter von Fake News böte der Blick auf diese halbvergessenen antiken Schmelztiegel die Chance, in der Vergangenheit historische Belege für ein gelingendes Miteinander sehr unterschiedlicher Menschen zu finden, anstatt Geschichtsschreibung zur Verschärfung kultureller und gesellschaftlicher Konflikte zu missbrauchen.

Kennen Sie schon …

Spektrum - Die Woche – Das letzte Lebenszeichen eines uralten Ozeans?

Unter Borneo bebte am 23. Februar die Erde – an einem Ort ohne aktive Subduktionszone. Das Ereignis stellt gängige geologische Modelle infrage. Außerdem: grausames Eisenzeit-Ritual, wie Novae explodieren, Streit um die EEG‑Novelle und mehr in »Die Woche«.

Spektrum - Die Woche – Von der Entropie zur Quantengravitation

Die Verbindung von Schwerkraft und Quanten ist ein zentrales Rätsel der Physik. Die Informationstheorie liefert Antworten – und vielleicht den Schlüssel zur Quantengravitation. Außerdem: Eine Revolution des Bauens? Carbonbeton benötigt im Vergleich zu Stahlbeton nur einen Bruchteil des Materials.

Spektrum - Die Woche – »Zeiten ohne Handy machen uns freier«

Wie wirkt sich die digitale Reizüberflutung durch Handy und Social Media auf unsere Konzentration und mentale Gesundheit aus? Antworten dazu in unserem Interview mit der Neurowissenschaftlerin Maren Urner. Außerdem: Katzen-Qubits – neue Hoffnungsträger für Quantencomputer. Jetzt in »Die Woche«.

Schreiben Sie uns!

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Zuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Zuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmende sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Zuschriften können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.