»Einmal, zweimal, keinmal«: Die Vielfalt der Erfahrung
Viel mehr Mut zu neuen Erfahrungen möchte uns der Kognitions- und Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt von der University of Pennsylvania in seinem Buch vermitteln. Damit meint er nicht, dass wir mehr Erlebnissehaben, sondern dass wir aus diesen viel öfter aktiv Erfahrungen entstehen lassen sollten. Wie das aus seiner Sicht gelingen kann und wie sich »Das erste Mal«, »Die Wiederholung« und »Das Nie-Gewesene« dabei unterscheiden, legt Breithaupt anhand vieler praktischer und literarischer Beispiele dar.
Der Autor beleuchtet die von ihm definierten drei Arten des Erfahrens nacheinander und detailliert. Breithaupt reflektiert etwa, welche Bedeutung der erste Sex hat, ob das erste Mal einer Erfahrung ein Wendepunkt im Leben sein kann oder wie unfreiwillige Erfahrungen uns einer echten Ersterfahrung berauben können. Er führt aus, wie Wiederholungen zum Vergleichen anregen, ob sie therapeutisch wirken und wie sie eine ästhetische Qualität gewinnen können. Schließlich geht es um »nie-gewesene« Erfahrungen, wie sie sich etwa in psychedelischen Ausflügen oder der Fantasie abspielen – und darum, ob solche Gedankenwelten genauso real sein können wie physisch erlebte.
Anekdoten und Thesen
Mit Erzählungen, literarischen Zitaten und Anekdoten illustriert Breithaupt seine Standpunkte und stellt am Ende jedes Unterkapitels eine These auf. Eine lautet etwa, dass jede Erfahrung auch Enttäuschungen beinhaltet, weil sie niemals all den Vorstellungen entsprechen kann, die wir uns vorher von ihr gemacht haben – nicht eingetretene Möglichkeiten seien dann grundsätzlich erst einmal enttäuschte Erwartungen. Auf diese Weise kommen dreizehn Thesen zum ersten Mal zusammen, zehn zur Wiederholung und sieben zu nicht gemachten Erfahrungen. Zum Abschluss jedes Kapitels formuliert Fritz Breithaupt dann noch eine übergreifende Hypothese.
Das Buch ist verständlich und kurzweilig geschrieben und lädt zum Nachdenken über eigene Erfahrungen ein. Seine Gedankenführung ist dabei oft eher anekdotisch als stringent, wodurch manche Thesen des Autors etwas beliebig wirken. Auch fehlt dem Text zuweilen ein logischer Fluss – etwa, wenn er im dritten Teil, der sich eigentlich den fiktiven Erfahrungen widmet, immer wieder zurück zu den Wiederholungen springt, sodass man am Ende nicht mehr recht weiß, welche Arten von Erfahrungen denn nun zu »keinmal« gehören. Wenn Breithaupt selbst darauf hinweist, dass sein Buch keine umfassende Abhandlung sein will und vor allem zum Weiterdenken einladen möchte, erklärt das zumindest nicht alle Eigenheiten seines Texts.
Wer sich aber auf diese einlässt, offen und vielleicht sogar diskutierfreudig an das Buch herangeht, kann dennoch Freude an der Lektüre haben – und anschließend vielleicht die eine oder andere eigene Erfahrung in einem neuen, intensiveren Licht betrachten.
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