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Gefährliches Geschwurbel

Der Bestseller verspricht, einen Ausweg aus der Energielosigkeit zu liefern. Stattdessen liefert er tiefe Einblicke in zweifelhafte Theorien. Kopfschmerzen garantiert.

Seit Monaten raubt die Pandemie vielen Menschen Kraft und Energie. Da kommt ein Ratgeber mit dem dynamischen Titel »Energy!«, zumal von einer Ärztin geschrieben, gerade recht. Kein Wunder also, dass er seit Wochen auf den Bestsellerlisten steht. Das Buch sieht ansprechend aus, und die lange Quellenliste im Anhang wirkt beeindruckend. Man könnte daher meinen, es hier mit einem fundierten Sachbuch zu tun zu haben. Doch der erste Eindruck täuscht.

Bei genauer Betrachtung kündigt Fleck bereits im Vorwort an, dass sie Wissenschaft mit Pseudohypothesen vermischen wird. Indem sie »die Heilerfolge bei meinen Patienten« als Beweis für den Erfolg ihres Konzepts anführt, verlässt sie den Pfad der Medizin, der auf Wissenschaftlichkeit beruht, die evidenzbasierte Medizin. Über die Jahre habe sie, so schreibt die Autorin, ihre eigene Methodologie (die Doc-Fleck-Methode) entwickelt, »die auf bewährten Ansätzen der klassischen Medizin und der innovativen Präventiv-, Orthomolekular- und Ernährungsmedizin sowie validen Naturheilverfahren« beruhe. Dabei erwähnt sie nicht, dass die Orthomolekularmedizin kein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren ist. Diese hält einen Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen für die Ursache diverser Krankheiten.

Selbstvermarktung statt Fakten

»Energy!« ist kein objektiver Ratgeber für interessierte Laien. Auf fast jeder Seite vermarktet sich die Autorin selbst und verweist auf ihren Vorgängerband »Schlank!« oder ihre Homepage; dort plant sie, künftig auch Ernährungskurse anzubieten. Dass Fleck Ärztin ist, macht das Ganze besonders gefährlich. Geschickt beginnt sie ihre Kapitel mit fundierten Fakten und webt dann nicht erwiesene Thesen in den Text ein. Wer nicht genau liest oder keinen wissenschaftlichen Hintergrund hat, wird von all den Fachbegriffen und selektiv gesetzten Quellenangaben geblendet. Kaum einer wird auf Anhieb wissen, ob es sich nicht doch lohnt, einmal Zonulin, alpha-1-Antitrypsin oder sekretorisches Immunglobulin A bei der eigenen Hausärztin testen zu lassen, um ein Leaky-Gut-Syndrom auszuschließen. Oder dass dieses vermeintliche Syndrom bisher nicht wissenschaftlich anerkannt ist. Laut Fleck handelt es sich dabei um eine undichte Schleimhautbarriere, die »aus meiner Erfahrung bei vielen Patienten nachweislich der Fall ist«. Ob man selbst darunter leidet, kann man anhand eines Selbsttests überprüfen, der an ein Quiz aus Teeniezeitschriften erinnert.

Wirklich wütend macht aber das Fallbeispiel der Autorin zum Thema Autoimmunerkrankungen. Eine Frau Anfang 40 sei zu ihr gekommen, nachdem bei ihr die neurologische Erkrankung multiple Sklerose (MS) festgestellt worden sei. Dann bringt Fleck das Schwermetall Quecksilber ins Spiel, das in hohen Mengen vermutlich für MS verantwortlich sei. Diese Aussage belegt sie nicht. Fleck rät der Patientin, ihre quecksilberhaltigen Amalgamfüllungen entfernen zu lassen – und zur Doc-Fleck-Methode. Wie durch ein Wunder seien die Entzündungsherde im Gehirn »dank des ausgeklügelten und innovativen Therapiekonzepts« später nicht mehr nachweisbar gewesen. Solch eine Geschichte ist gefährlich, könnte sie doch andere Betroffene dazu verleiten, ihre chronische Erkrankung statt von qualifiziertem Personal auf eigene Faust zu behandeln. Stand 2021 gibt es kein Heilmittel für MS. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft erklärt sogar explizit, dass die Entfernung von Amalgamfüllungen die Krankheit weder verhindern noch wegzaubern kann.

Nach all den zweifelhaften Aussagen im ersten Teil des Werks, in dem es um mögliche Ursachen für die Energielosigkeit geht, räumt Fleck ihrer eigenen Me­thodologie rund zwei Drittel der Seiten ein. Doch selbst wenn hier einige, allerdings nicht gerade neue Wahrheiten drinstecken, fußt die Doc-Fleck-Methode zu einem nicht unerheblichen Teil auf bloßen Vermutungen. So seriös Fleck wirkt, wie sie lässig in ihrem Arztkittel auf dem Cover posiert: Hinter dem Buch­deckel verstecken sich viel heiße Luft und halbgare Hypothesen.

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