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Treibstoff der Moderne

Erdöl ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Doch die Verwendung besitzt auch dunkle Seiten. Zwei Kulturwissenschaftler arbeiten die prägende Wirkung des Rohstoffs für unsere moderne Welt heraus.

Erdöl ist eine merkwürdige Substanz: Im alltäglichen Leben begegnet sie uns in vielen Produkten, sie bestimmt unsere Wirtschaft und trotzdem nehmen wir sie kaum wahr. Die Kulturwissenschaftler Alexander Klose und Benjamin Steininger erklären in »Erdöl – ein Atlas der Petromoderne«, welche Bedeutung der Rohstoff für die moderne Welt besitzt, wo er zum Einsatz kommt und welche Folgen dessen Förderung und Verwendung haben.

43 kurze und verständliche Texte

Wer wegen des Titels eine kartografische Darstellung erwartet, sieht sich stattdessen mit einer kulturhistorischen Aufarbeitung unterschiedlicher Themen konfrontiert. Klose und Steininger präsentieren 43 kurze und verständliche Texte, in denen sie nach eigener Angabe »Fund- und Randstücke« zu historischen, wirtschaftlichen, technologischen sowie soziologischen Aspekten des Erdölzeitalters betrachten. Ihr Ansatz ähnelt einer museologischen Objektbetrachtung, um die Epoche des Erdöls – der »Petromoderne« – zu charakterisieren. Doch es ist dieses Aneinanderfügen von Versatzstücken, das die »Kartografie« des vorgelegten »Atlas« in seiner thematischen Breite prägt.

Unter anderem sprechen die Autoren die historische Entwicklung der Erdölförderung an. Während der heutige Schwerpunkt vor allem im arabischen und asiatischen Raum liegt, waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch andere Gebiete dafür bedeutend, etwa Europa. So verweist das Buch auf das Wiener Becken, das sich nach der Annexion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland zum größten Ölbezirk des Deutschen Reichs entwickelte.

In einem anderen Kapitel behandeln die Autoren die weltweit eingesetzten Pferdekopfpumpen. Diese erhalten ihren landschaftsprägenden Charakter nicht nur durch die klassische Nutzung. Denn ausrangierte Pumpenstangen werden auch kreativ als Zaunpfähle, Spielplatzeinfassungen oder in Niederösterreich sogar als Stützen für Weinreben weiterverwendet. Zudem verdeutlichen sie die technische Weiterentwicklung des Bereichs: Elektromotoren treiben die neuesten Modelle an, die sich teilweise über WLAN kontrollieren und steuern lassen.

Darüber hinaus gehen Klose und Steininger auf die politische Bedeutung des Rohstoffs ein. Durch Ölpipelines errichtete, milliardenteure Verteilernetze dienen nicht nur dem Transport und Handel des geförderten Produkts. Am Beispiel russischer Pipelines in die Ukraine oder nach Polen verweisen die Autoren auf Abhängigkeiten, mit denen sich politischer Druck ausüben lässt. Somit kommt dem Verteilungsnetz nicht nur eine landschaftsgestaltende Bedeutung zu, die schon Künstler inspiriert hat; vielmehr besitzen sie eine enorme staats- und geopolitische Funktion, die unsere heutige Welt prägt.

Wie stark Erdöl das alltägliche Leben beeinflusst, zeigen die Autoren an der Verarbeitung unterschiedlicher Produkte. Der Rohstoff oder daraus abgeleitete Substanzen finden sich in Lösungs- und Düngemitteln, Pharmazeutika, Munition sowie in Schmier- und Kraftstoffen wieder. Letztere beurteilen die Autoren als »komplexe und hochtechnische Kulturprodukte«: Während man in einer Dampfmaschine noch viele verschiedene Stoffe verfeuern konnte, findet man an heutigen Tankstellen nur eine überschaubare Auswahl, die auf ihren Einsatz in hochspezialisierten Motoren wartet. Die effektiven Kraftstoffe haben nicht nur zur »Großen Beschleunigung« des 20. Jahrhunderts im zivilen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich beigetragen. Als Spezialprodukte bildeten sie auch die Grundlage für ambitionierte Raumfahrtprogramme, die den Menschen letztlich zum Mond geführt haben.

Wie die Autoren verdeutlichen, besitzt Erdöl als fossiler Energieträger nicht nur in militärischer und ökologischer Hinsicht eine dunkle Seite. Unter anderem kam Benzin über Motorenabgase auch in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern Belzec, Sobibor und Treblinka als Mittel zum Massenmord zum Einsatz.

Die von Klose und Steininger gewählte »Atlas«-Perspektive mag ungewöhnlich erscheinen. Doch sie regt in lesenswerter Weise zum Nachdenken an. Die Autoren verfolgen dabei ein aufklärerisches Ziel: Das Buch soll die Problematik des Erdölgebrauchs bewusst machen. Erst dann sei es möglich, sich von dem Stoff zu lösen. Dabei erklären die Autoren im Abschnitt »Daten sind das neue Öl«, was ihrer Meinung nach die Förderung des Erdöls kulturhistorisch gesehen im 21. Jahrhundert ablöst: die Konsum- und Bewegungsdaten unserer zunehmend vernetzten, globalisierten Welt. Ähnlich wie der fossile Brennstoff muss man auch diese als Ressource sammeln und zur Verwendung aufbereiten.

Zahlreiche Querverweise innerhalb der einzelnen Kapitel verbinden die lose zusammenhängenden Texte des Buchs miteinander. Dadurch kann der Leser jederzeit von der vorgegebenen Reihenfolge abweichen, um seinen eigenen Weg durch das Buch einzuschlagen. Mehr als 40 Abbildungen veranschaulichen den Inhalt der Texte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie eine kurze Empfehlung von Dokumentar- und Spielfilmen zum Thema runden das Werk ab. Um den Atlascharakter auch im herkömmlichen Sinn hervorzuheben, wären geografische und politische Karten über aktuelle Förderzentren und Handelswege sowie einige tabellarische Statistiken über Verbrauchsmengen wünschenswert. Insgesamt eignet sich das Buch vor allem für kulturhistorisch interessierte Leser, wobei spezielle Vorkenntnisse nicht erforderlich sind.

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